Auch abgesehen von den überwältigenden zwei Wochen bei der Hochzeitsfamilie überflutet uns Indien mit einer Vielzahl von Eindrücken, welche Jazz und ich aufsaugen wie Schwämme. An den Abenden falle ich jeweils, ach was sage ich, schon am frühen Nachmittag bin ich meistens schon hundemüde und würde mich am liebsten zu den friedlich wiederkäuenden Kühen in der Strassenmitte legen. Quasi Erlebnisse wiederkäuen.
In Gesprächen verarbeiten wir unsere Tage. Erzählen einander, was wir gesehen haben, was wir fühlen und denken. Es ist gar nicht vermeidbar, dass die Vergangenheit bei der Beurteilung des Geschehenen einbezogen wird. Es ist doch das Konzept des Seins, aus Erfahrungen zu lernen. So ist es zwangsläufig, dass Jazz und ich immer wieder vergleichen mit früheren Reisen. Der Wald sieht aus wie in dort, die Menschen leben hier ähnlich wie in da, und so weiter. So gesehen ist es gemein für Indien, dass es in vielem, welchem wir täglich begegnen immer die Nummer zwei sein wird. Ich werde nie wissen, wie Indien auf mich gewirkt hätte, ohne die Reiserei zuvor. Genauso wenig wie sie jemals wissen werden, ob der Husten mit dem Hustensaft nun schneller, gleich schnell oder sogar länger gedauert hat. Weil diesen einen Husten werden sie so in ihrem ganzen Leben nie mehr haben. Sie sind heute schon älter als beim letzten Husten damals. Sie werden den Hustensaft einnehmen, wenn sie glauben, er habe geholfen. Sie werden ihn weglassen, wenn sie denken, langes schlafen helfe genauso gut. Es stimmt immer das, was sie glauben wollen.
Nun, da stellt sich die Frage, wie will ich Indien denn sehen? Manchmal bin ich im Internet schon auf Reiseberichte gestossen, die waren so von negativen Gedanken geprägt, dass ich dachte, ich lese die Nachrichten einer Zeitung. Manchmal (mit zunehmendem Alter?) kann Reisen anstrengend sein. Wenn ich nach einem Tag in schwarzen Abgaswolken beissende Augen und kratzende Bronchien habe, wenn es in sengender Hitze stinkt nach Urin und toten Tieren, wenn die lautesten Mitbewohner die beiden Angestellten in der Lobby sind, dass man das Gefühl hat, sie schreien direkt durch die defekten Lamellen des Badezimmers mit defekter Dusche, in genau diesen Momenten denke ich mir: „Das hatte ich doch schon. Das will ich nicht. Warum tue ich das?“.
Einen so heftigen Monsunregen habe ich noch überhaupt nie erlebt! Das Wasser prasselte in einer unvorstellbaren Menge und Geschwindigkeit nieder. Zwei grosse Wassereimer, welche den Regen eines kleinen Blechdaches auffingen, waren in Sekunden zum Überlaufen voll. Kein Wasserhahn in der Schweiz hätte die Eimer schneller füllen können! Jazz und ich stehen geschützt unter einem riesigen Dach einer Terrasse. Staunend wie Kinder schauen wir zu, wie sich Vertiefungen mit Wasser füllen, überschwappen, sich auf den Weg machen, um mit weiteren Mengen einen immer grösser werdenden Bach bilden. Und exakt in dem Moment, in dem das Dach so laut brüllt, dass sie meinen, kein Wasserfall dieser Welt könne noch mehr Kubik pro Sekunde der Schwerkraft überlassen, da wird es noch lauter!
Oder habe ich schon von den Verkehrsregeln in Kerala erzählt? Links oder rechts blinken heisst: Man weiss es nicht so genau, am besten mal abwarten und hupen. Warnblinker bei Tage heisst: Ich fahre gerade aus. Im Nebel: Achtung Nebel. Für links oder rechts abbiegen wird die Hand aus dem Fenster gehalten, es gib auch ein Handzeichen für „du kannst mich überholen“ und „jetzt bloss nicht überholen“. Licht bei Tage bedeutet „lasst mich durch, ich habe einen Notfall“. Gefahren wird grundsätzlich links, was für die Busfahrer aber nicht gilt, sie dürfen immer beide Fahrspuren benutzen. Lastwagen fahren bevorzugt in der Mitte der Strasse, Motorräder haben am Seitenrand zu fahren. Hupen: Ja, immer und wie Jense uns erklärt, lieber einmal mehr hupen als bremsen. Hupen kann vom europäischen „hau ab“ (selten) bis zu „Achtung, jetzt komme ich!“ heissen, was die Regel ist. In der Nacht wird natürlich mit Licht gefahren und nach etwa sieben Uhr, also nach Einbruch der Dunkelheit, wird nicht mehr gehupt. Das heisst, nicht mit dem Lärmdings, sondern nur noch Lichthupe. Gefahren wird mit Fernlicht, um zu lichthupen wird zum Abblendlicht gewechselt. Hupen allgemein regelt auch die Vortrittsfrage trefflich.
Als bei Jazz‘ Royal Enfield zum zweiten Mal eine Rahmenschraube fehlt, fahren wir bei einem Honda Mechaniker vor. Eigentlich noch nicht direkt vorgefahren, die 20 Meter von unserem Lieblingscafe, in welchem wir den Kaffee ungefragt aus Pappbechern und zum Essen der köstlichen Frühstücksgerichte einen Löffel und die Saucen in Schälchen serviert bekommen, sind wir zu Fuss gegangen. Wir erklären dem Pförtner der Honda Vertretung unser Schraubenproblem. Er meint, dass sie nur Honda reparieren würden. Ich sage ihm „I’ll be back“ und kehre kurz darauf mit der Royal Enfield (aber ohne Waffe) zurück. Noch bevor ich die fehlende Schraube sauber in meinem langsam ausgereiften Pantomimenspiel vergegenständlichen konnte, bittet er uns in den Innenhof. In diesem warten schon etwa vier Mechaniker mit einem freundlichen Lachen auf dem Gesicht. Irgendwann später war klar, wer sich darum kümmert, noch später dann eine passende Schraube gefunden und alles dauerte eigentlich gar nicht so lange, bis uns vier fröhliche Menschen zum Abschied hinterher winkten.
Besonders mag ich auch die bunten, von Hand bemalten Lastwagen. Geradezu detailverliebt werden die allermeisten von den teilweise uralten Karren kunstvoll gestaltet. Der Tank wird schwungvoll mit „Diesel“ beschriftet, hinten am Heck steht „Sound Horn“, also die Aufforderung, zu hupen, wenn man überholen möchte. Jedes Stück ist irgendwo signiert, meistens mit Name und Telefonnummer des Künstlers. Genauso gepflegt ist natürlich nicht alles am Strassenrand. Es ist aber zu erwähnen, dass weder Scherbenhaufen noch Plastiksäckchen den Weg säumen. Zum einen gibt es nicht allzu viel in Glas zu kaufen. Alkoholflaschen scheinen vorbildlich gesammelt zu werden. Indien ist gewaltig auf dem Sprung nach oben im Wirtschaftsranking. Es ist schön zu sehen, dass versucht wird, gewisse Fehler anderer Länder nicht auch zu machen. Anstelle der Plastiksäckchen wird die Ware in alte Zeitung gewickelt, für den, der keine überall zu kaufende Jutentasche besitzt.
Irgendwie habe ich mich geistig lange vor Aufbruch auf harte Feilscherei vorbereitet. Kämpfen wie Tiger um jeden Rupee werde ich, so wie ich das in der harten Schule in Zentralamerika gelernt habe. Alles über 50% des Anfangspreises eine persönliche Niederlage. Aber weit gefehlt. Alles was irgendwie verpackt ist mit einem „Maximum Retail Price“, MRP, versehen. Es ist selbstverständlich, dass abseits touristischer Pfade sich die Geschäfte mit Rabatten um Kunden bemühen. Es ist ebenso selbstverständlich, dass man in touristischen Gebieten direkt den MRP auf den Tisch legen kann.
Und da war mal dieser junge Mann aus Dubai. „My driver is an idiot!“, hat er gesagt, nachdem er sich vorgestellt hat. Ach, was haben wir danach gelacht! Aber alles kann ich nun wirklich nicht erzählen, es gibt so vieles jeden Tag.
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Written on the 26th day of trip IV - India/Asia/Australia
1'077 Km on the road