Szenewechsel. Jazz und ich besteigen die unbeladenen Royal Enfields das zweite Mal am heutigen Tag. Wir möchten zum östlichsten Punkt der Insel fahren, gleichzeitig der östlichste Punkt unserer Indienreise. Im Schritttempo passieren wir das Zaun Tor der Hotelanlage, grüssen die beiden Wächter mit einer kleinen Handbewegung. Nach einigen Metern welligen, harten Sand, vorbei an den Minibussen der Pilger, geht es weiter auf der schmalen asphaltierten Strasse. Noch vor der Weg breiter wird und die Badeanlage für die Gläubigen beginnt biegen wir scharf rechts ab und drängen uns durch eine kleine, ungeteerte Gasse zwischen den winzigen, einstöckigen Häuschen. Der Pfad läuft parallel entlang der etwa 200 Meter langen Strasse, welche von der Badeanlage zum Haupttor des Tempels führt. Auf dieser Hauptstrasse gehen die zahlreichen Männer, welche sich rituell im Meer gewaschen haben und Frauen, die mit dem Waschen noch warten bis die Sonne unter gegangen ist. Barfuss schlendern sie vorbei an den dutzenden Ständen, welche vom Plastik- Cricket- Set über duftende Räucherstäbchen bis mit Muscheln verzierte Spiegel alles Mögliche verkaufen. Es ist bunt, die Stimmung bei einigen bedächtig, bei anderen fröhlich. Man weicht den Kühen aus, welche in ihrer Urgemütlichkeit Speisereste vom Boden lecken oder am Boden liegend wiederkäuen. Hunde sind zu dieser heissen Tageszeit noch keine auf der schattenlosen Strasse zu entdecken. Trotzdem ist es für uns einfacher auf den Nebengassen. Abgesehen davon wäre es uns früher am Tag auch nicht erlaubt gewesen, mit den beladenen Motorrädern den Pilgerweg zu fahren, doch dicht hinter dem Bus her fahrend habe ich das verblasste Verbotsschild nicht beachtet.
Auf dem Display des GPS Gerätes erkenne ich, dass wir die richtige Höhe erreicht haben. Jetzt scharf links und schon stechen wir wieder ein auf die asphaltierte Strasse, tauchen ein in das laute und bewegte Treiben des frühen Abends. Wir schlagen grob die Richtung ein, in welcher wir den Dorfausgang erwarten, schlängeln uns zwischen Schülern in Schuluniformen, Autorikschas, Bussen, Pilgern und Arbeitern auf ihrem Heimweg durch. Immer schön langsam, immer schön flüssig, harte Bremsmanöver auf den Sandbedeckten Strassen vermeidend. Um diese Zeit meldet sich aus der Ferne ein Imam. Treibende, rhythmische Klänge sanfter Schlag- und Saiteninstrumente verschmelzen mit der hohen Stimme einer Sängerin und dringen aus jeder Ritze der kleinen Gebetshäuser und vermischen sich mit gleichartigen Wellen aus den Lautsprecheranlagen des hinduistischen Haupttempels. Bushaltestellen sind prall voll mit Wartenden, Teestuben und Konditoreien laufen auf Hochtouren. Wir finden auf Anhieb den richtigen Abzweiger, das grosse Gedränge löst sich ein wenig auf. Die zweistöckigen Gebäude des Zentrums werden abgelöst von Einstöckigen, dann die ersten Strohhütten. Zwischen den Häusern gibt es nun Freiräume, übersäht mit Abfall. Auf frischen Bergen tummeln sich kleine Schweine und Ziegen. Die vereinzelten Kinder auf dem Abfall tragen keine Schuluniform. Ältere, „abgegraste“ Haufen werden angezündet, der dunkle Rauch verbrennenden Plastiks vermischt sich mit den Abgaswolken der nun vollen Busse, die uns schnittig überholen und ihre Passagiere schnellstmöglich nach Hause bringen wollen. Es riecht mal matt, dumpf, modrig nach Fäulnis, mal stechend sauer oder spitz, beissend, dass es mir das Atmen verschlägt. Sofort konzentriere ich mich auf meinen Puls, unterdrücke das Atmen, versuche alle Körperfunktionen zu kontrollieren, den Energieverbrauch zu reduzieren um die Zeit bis ich das nächste Mal einatmen muss hinauszuzögern.
Gegen Ende werden es noch weniger Häuser. Schlussendlich fransen die Müllhalden aus, die Luft riecht zunehmend neutral. Die asphaltierte Strasse ist in gutem Zustand, wir kommen bequem voran. Immer wieder wenn sich im Buschwerk eine Lücke ergibt sehen wir links und rechts das nahe Meer. Nun ist es beinahe Menschenleer. Einige Frauen treiben ihre kleinen Ziegenherden zusammen, achten, dass die Tiere nicht ständig auf der andern Strassenseite nach Futter suchen. In einer Stunde geht die Sonne unter, Strommasten gibt es auf diesem schmalen Inselstreifen keine. Die schleierhaften Wolken verdecken die Sonne und nehmen der Landschaft zunehmend die Farbe. Nach halbstündiger Fahrt tauchen die ersten Bauten seitdem wir das Dorf verlassen haben auf. Eine kleine Ansammlung von Strohhütten, in ihrer Mitte ein kleiner Obelisk aus dunkelbraunem Gestein. Das diffuse, grelle Licht überflutet den Sand, das verwaschene Stroh der Hütten, die tosende See in Grautöne. Unwirklich, ausserirdisch, ein kräftiger Wind zerzaust meine nun schon lang gewachsenen Haare, kaum ziehe ich den Helm aus. Einheimische kommen angerannt, keiner spricht englisch. Wir stapfen durch den feinen Sand, gehen die zehn Meter zum beweglichen Rand, wo Welle um Welle eine neue Ordnung definiert. Aus einer indischen Touristengruppe winkt mir einer zu, ruft mich mit ausgestrecktem Arm und einer kleinen Handbewegung zu sich, in dem er wiederholt die Handfläche gegen den Handballen bewegt. Ich starre den Mann an. Er wirft mir ein „Camera“ zu und die Bewegung der Hand wird leicht dynamischer. Schon lange reagiere ich nicht mehr auf solche Gesten. Erfahrung des Reisens. Er hat gleich weit, denke ich mir. Und ich möchte weder von ihm fotografiert werden noch ich ein Foto von ihm machen. Wer Geld hat, kauft sich einen grossen Wagen. Wer einen grossen Wagen hat, hat Vortritt vor den kleineren Wagen. Oben sein, bedeutet Macht. Erbe des Kastendenkens. Wer sich herum winken lässt, ist unten. Ich bleibe stehen. Die Sache hat sich erledigt, der Mann kommt auch nicht zu mir.
Noch am Vormittag haben wir das Dorf erreicht gehabt. Im Zentrum der grosse Tempel mit den zwei hohen Türmen, die übersäht sind mit bunten, symbolischen Figuren ihrer Religion. An den vier Strassen rund um den Tempel reiht sich Geschäft an Geschäft. Hotels, Souvenirshops, Verkäufer von fertig abgepackten Opfergaben, knallig bunter Puder mit welchen sich die Leute mit einem Finger Zeichen auf die Stirn streichen, nachdem sie ihr Gebet gesprochen haben. Wir haben uns viel versprochen von diesem Ort, in Madurai hat uns eine nette Stoffverkäuferin mit glänzenden Augen von der Schönheit des heiligen Ortes berichtet. Die Häuser stehen dicht gedrängt, jeder Zentimeter scheint genutzt zu werden um die Bedürfnisse der Besucherscharen abzudecken. Ich war froh, haben wir das Hotel entdeckt, welches etwas abseits vom Zentrum steht, da es sicher ruhiger ist, als in unmittelbarer Nähe der Gebetsstätte. Auf den Bezug des Zimmers wartend werden wir von einer Gruppe weiss gekleideter, älterer Männer angesprochen. Mindestens zwei von ihnen sprechen sehr gut Englisch. Ein kleines Gespräch setzt sich in Gang, natürlich woher, wohin. Ob wir denn eine Strassenkarte hätten, will der wissen, welcher uns später auch erklärt, dass sie zehn Bezirksräte eines von sechs Bezirken seien und hier eine Sitzung abhielten. Kollektiv schwärmen sie uns von einem Geleerten vor, dessen für mich komplizierten indischen Namen ich mir unmöglich habe merken können. Ein Gentleman sei er gewesen, sehr gescheit, ein Wissenschaftler und Forscher. Keine Frau gehabt und auch sonst nach höchsten moralischen Ansprüchen gelebt. Meine Rückfrage, was von diesem Geist und Erbe im heutigen Indien übrig geblieben sei, lässt die Gruppe ein Augenzwinkern lang verstummen. Der gewandteste Gesprächsführer reagiert am schnellsten, hebt die Arme ausladend gegen den Himmel, lacht und sagt: „That, only God knows“.
Später am Tag lerne ich (ein weiteres Mal), dass es kaum Berührungspunkte gibt zwischen der Indischen und der unsrigen, westlich abendländischen Kultur. Religion und Glaube prägt den Alltag und die Auffassung des Lebens. So wie ich es wahrnehme, unternehmen die Leute hier nichts nur um der Unterhaltung willen. An diesem Meeresabschnitt kann, wer will, sich rituell im Wasser reinigen. Bei einer 25 Meter breiten Treppe, welche in das Meer führt. Daneben gibt es nichts, aber auch gar nichts, was sonst zum Verweilen oder gar zum Baden am Wasser einladen würde. Der Strand mit dem feinen, hellen Sand ist übersäht mit Müll. Das metallisch spiegelnde Wasser mit diesem eindringlichen, bleiernen blau-grauen Farbton der kleinen Abwasserkanäle fliesst keine zwanzig Meter neben der Treppe ins Meer. Wo sich in anderen Teilen der Welt Strandhütte an Strandhütte reihen würde, Liegestühle und Badetücher zu Territorialkämpfen benutzt würden, da ist hier, an diesem wunderschönen Strand, garniert mit Kokospalmen einfach kein Abschnitt, an dem man freiwillig auch nur seinen Fuss ins Meer halten würde.
In vielem bleibt Indien für mich ein Mysterium. Zu Beginn des Aufenthalts habe ich die überwältigende Gastfreundschaft innerhalb einer indischen Familie erlebt. Auf der Strasse erlebe ich die animalische Rücksichtslosigkeit ausserhalb eines Familienverbundes. Ich sehe eine Atommacht mit allen technischen Möglichkeiten, welche das Leben der Neuzeit bietet. Ich sehe Strassenverkäufer gebrauchte Zahnbürsten verkaufen. Ich sehe unkritischen Stolz auf ein Bildungssystem mit lauter Gewinnern an der Oberfläche. Ich sehe eine nicht in der Aufklärung verankerte Bildung, in welcher keine Gleichberechtigung existiert, weder vertikale noch zwischen den Geschlechtern. Ich sehe Filme, in welchen jede auch nur annähernd erotische Szene grosszügig geschnitten wird. Ich sehe gewohnt phantasielose Werbung für Autos, Schmuck, Haarshampoos, Hautsalben, Versicherungen und Fastfood. Ich sehe Zeitungsartikel, welche sich für mehr Gerechtigkeit und Umweltschutz einsetzen. Indien, wohin wirst du gehen? That, only God knows.
PS: Auch noch im Jahr 2010 und auch in Indien existiert in der Reklame ausschliesslich der blasse Hauttyp. Warum? Kann mir das einmal irgendjemand erklären bitte?
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Written on the 46th day of trip IV - India/Asia/Australia
2'740 Km on the road