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06/21/2002 by jazz
Sag mir Kenzingen und ich sage Dir, was mir dazu in den Sinn kommt. Ich denke da jedenfalls nicht an ein hübsches Dörfchen nahe Colmar. Nein, denn das habe ich gar nicht gesehen. Ich denke da eher an Kiesgrube, Sand, Matsch, Geröllhalde, viel Schweiss und Muskelkater. Aber nun der Reihe nach.
Im Vorfeld einer solchen Reise tut es uns sicher gut, einige Offroaderfahrungen zu machen. Und da du in der Schweiz ja sofort mit erzürnten Waldwandern oder erbosten Bikern rechnen musst, oder gar mit viel Geld deine Trainingseinheiten fern ab der geteerten Strasse zu bezahlen hast, suchten wir im nahen Ausland nach eben solchen Trainingsmöglichkeiten. Im Internet sind wir dann auf die Jungs in Kenzingen gestossen (www.enduro-training.info), die solche Kurse für Anfänger anbieten.
Morgens um 5.30 Uhr klingelte der Wecker. Nicht dass wir den gebraucht hätten, nein. Zumindest ich lag eigentlich schon die ganze Nacht wach und habe nur auf dieses Klingeln gewartet. Das Frühstück an diesem Morgen gestaltete sich ruhig und schnell. Kein Wort zu viel. Ich sahs ihm mit etwas Genugtuung an: auch er war nervös, aufgeregt, aber auch voller Freude und Neugierde. Was wird dieser Tag bringen? Das erste Mal in einer Kiesgrube... Training - wie das nur schon tönt!
Um 6.00 Uhr fuhren wir los. Es sollte laut Bucheli den ganzen Tag regnen und nur so gegen die 15 Grad warm werden. Es regnete nicht. Bucheli sei verziehen. Aber in der Temperatur soll er bitte recht behalten, flehte ich auf den 200 km Anfahrtsweg in meinen Helm. Und noch etwas dachte ich, als ich nach zwei Stunden Tempo 100 mit Vollgas endlich die Ausfahrt Kenzingen ansteuerte: ich freue mich auf die BMW; einfach etwas schneller auf der Piste...
Als wir am verabredeten Ort auf die Jungs und die anderen Kursteilnehmer stiessen, wollte ich meinen Helm am liebsten gar nicht erst ausziehen. Ich musterte also durch mein Visier alle diese Sportskanonen mit ihren Crossmaschinen und ihren superkiesgrubentauglichen Outfits. Naja, was solls, wenn ich schon mal da bin. Hiess ja schliesslich für Anfänger. Kaum hatte ich den Helm ab, drückte Mann mir einen Schraubschlüssel in die Hand mit den Worten: Rückspiegel weg und Griffe lockern, damit du Bremse und Kupplung abdrehen kannst; wir fahren im Stehen, da muss der Winkel der Griffe zur Armstellung stimmen.
Klar, wusste ich eh längst...
Als erstes machten wir dann eine Vorstellungsrunde, alle ohne Helm, wo jeder den Stand seiner Fahrkünste und noch dies oder das zu seiner Person und zu seinen Beweggründen, diesen Kurs zu besuchen, sagte. Da bemerkte ich erst, dass von den 12 Teilnehmern mehr als die Hälfte Frauen sind. Und die Sportskanonen mit den Crossmaschinen und ihren superkiesgrubentauglichen Outfits entpuppten sich als die Kursleiter. Praktisch alle sollten an diesem Tag ihre ersten Offroaderfahrungen machen; ich fühlte mich also doch am rechten Platz.
Dann gings los. Helm auf, Visier runter und rüber zur Kiesgrube. Aber- was ist denn das?! Da wurde nicht etwa ein Tor geöffnet und wir konnten einfach schön reinfahren, nein! Da war ein riesiger Erdwall mit hohem Gras und ewta 70 % Steigung (ein Minihäufchen Erde mit etwas Gras, wie ich nach 3 maliger Überfahrung feststellen durfte...). Zum Glück hatte ich den Helm auf und keiner konnte sehen, wie blass ich war. So quälten wir uns unter Hilfestellung der Crossjungs mit geschlossenen Augen- ich sah eh nicht, was dahinter kam- alle irgendwie darüber. Natürlich kam ich beim ersten Anlauf zu Fall. Nunja, beim 2. Mal liess ich die Augen offen und dann klappte das auch. Mit zittrigen Knien fuhren wir dann alle in einer Kolonne das Trainingsgelände ab; da es am Vortag regnete, stellte das Gelände ganz tolle Extremverhältnisse, die es zu bewältigen galt:
Da gab es Stellen mit Matsch, Wasserlöcher, Stellen mit trockenem und nassem Sand, mit kleinem Kies, mit grossen Steinen... einfach alle Bodenbeschaffenheiten von hier rund um die Welt!
Ich fuhr zum ersten Mal auf Sand und war erstaunt, wie schwierig das ist. Auch der schmierige Matsch machte mir zu schaffen. Es ist wie fahren auf Seife. Da war mir dann der feine, harte Kiesuntergrund schon lieber, gewohnter. Auf flachem Untergrund übten wir dann zuerst das Fahren im Stehen: enge Kurven, langsames Tempo, kein Fuss an den Boden. Das war extrem anstrengend. Es war wohl gegen 10.00 Uhr, als ich nochmals an Bucheli denken musste, als mir, wenn ich den Handschuh auszog, der Schweiss aus dem Jackenärmel tropfte...
Ich ahnte es schon, natürlich sollten wir auch das Bremsen auf diesem Untergrund lernen. Mir graute vor Schlitterpartien mit blockiertem Hinterrad- und genau das machten wir dann. Mit Freude stellte ich fest, dass wenn ich den inneren Sauhund einmal bezwang, sogar Schleudern so richtig Spass machen kann! Überhaupt hatte ich an diesem Tag Bekanntschaft mit den Gefühlen Angst, Mut und der Grenze, die irgenwo dazwischen liegt, gemacht. Und so kam es dann, dass auch das Bremsen mit Hinter- und Vorderbremse richtig Spass machte. Mir hätte das ja dann an Programm langsam gereicht, es war ja auch schon Mittag und mein Magen knurrte nach was festem... . Da meinte der Crossjunge, dass wir ja nun genügend eingefahren seien um uns daran zu wagen. Und er zeigte auf den etwa 7 Meter hohen Kieswall am Ende der Grube. Ich dachte, es sei ein Scherz- war es nicht. Kurze Instruktionen folgten, von wegen Gewichtsverlagerung, Vollgas, oben vom Gas runter damit man an der beinahe rechtwinkligen Kante nicht gleich abhebe... und natürlich eine eindrückliche Vorzeigefahrt des Profis. Keine Sache meinte er unterstützend als er sich am Hang postierte um allfällige Fälle schön aufzufangen.
Langer Rede kurzer Sinn- ich musste da rauf. Nicht nur weil es im Kursprogramm stand, nein, auch weil ich unterdessen ja schon ein par Mal die Erfahrung gemacht habe, dass ich mehr kann, als mir meine Angst zugesteht. Ich wollte da rauf! Und ich wollte noch mehr da rauf, als ich beim ersten Versuch etwa in der Mitte des Hanges den Boden küsste. Beim zweiten Mal fiel ich nochmals und wurde beinahe etwas stinkig! Hey Jasmin- was soll das?! Ich gönnte meinem Körper, der zugegeben schon recht geschlaucht war, eine kleine Pause und sammelte mich geistig nochmals, um dann den Berg im 3. Anlauf endlich zu bezwingen! Die Freude wich schnell, als ich oben stand und Mann mir sagte, wo ich wieder runter zu fahren habe. Ich habe natürlich keinen Lift erwartet; aber mussten es denn gerade 30cm dicken Steinklötze sein? Und unten? Unten war Sand, das alleine ginge ja noch. Aber da waren nur etwa 2 Meter Platz um zu wenden und das Ganze von Vorne zu wiederholen! Der Tipp, einfach nicht zu bremsen, war zwar einleuchtend! Aber es kostete mich schon etwas Überwindung, genau Abwärts nicht zu bremsen!
Augen zu oder nicht? Egal, fahren- nicht bremsen, unten doch bremsen aber nicht zu fest wegen dem Sand, dann eine enge Kurve fahren, Vollgas und wieder hoch- Geht ja!
Ich gebe zu, es war reine Genugtuung für mein Ego, dies 2 Mal zu machen und dann den härtesten der Gruppe noch etwas dabei zu zu sehen.(Die Zuschauergruppe bei mir wurde schnell grösser, wohl alle etwas kaputt!)
Dann folgte eine kleine Ausfahrt in ein gemütliches Landgasthaus in der Nähe; wobei der erwähnte Erdwall zum Ausgang der Grube als Vorspeise bewältigt wurde.
Auf dieser kleinen Ausfahrt, wo wir alle 14 schön in einer Kolonne fuhren, Phil und ich fast am Ende der Kette und vergassen vor lauter Abgasduft schon beinahe den Hunger, stellte ich fest, dass wer sich in der Kiesgrube bewährt noch lange nicht landstrassensicher, geschweige denn kolonnenfahrtensicher ist! Ehrlich! Die kurze Ausfahrt zum Gasthof schien mir das gefährlichste Manöver des ganzen Kurstages! Da wurde zu nahe aufgefahren, Kurven geschnitten, übermotiviert und erst noch an der falschen Stelle gebremst... einfach Horror! Und irgendwie haben wir es dann auch noch geschafft, jemanden zu verlieren- peinlich!
Nach dem feinen Essen in Holzhackerportionen hängten Philipp und ich uns dann direkt hinter den Crossjungen; dies wie gesagt nicht nur um weniger Abgase zu atmen, sondern auch zu unserer Sicherheit...
Es war unterdessen gegen 16.00 Uhr und wir verabschiedeten uns von der Gruppe, die sich nochmals in die Grube begab. Schliesslich hatten wir noch einen langen Heimweg vor uns und waren schon fast 10h auf den Rädern; und das gehört zu gutem Training dazu: merken, wann dein Körper genug hat.
Wir erhielten ein T-Shirt, gute Wünsche für unsere Reise (am Mittagstisch unterhielten wir die Gruppe mit unseren Plänen...) und ein schönes Tschüssgewinke als wir mit unseren schlammverdreckten Enduros, übrigens wieder mit montierten Rückspiegeln, auf die Landstrasse Richtung Süden abbogen.