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Motorrad fahren bedeutet Wind und Wetter

Written in Canada
05/17/2003 by phil

Faehrt man auf dem Motorrad in irgend eine Richtung und spuert dabei den Wind nicht, so nennt man das Rueckenwind. Faehrt man dabei 60 bis 80 Stundenkilometer, so hat man dementsprechend viel Rueckenwind. Das ist gut, bis man die Fahrtrichtung aendert...


Jasmin und ich waren uns bewusst, was es heisst, mit dem Motorrad unterwegs zu sein, wenn auch nicht ganz im klaren, was es bedeutet, so lange mit dem Motorrad zu reisen. Als wir uns ueber die Fortbewegungsart Gedanken gemacht hatten, sind wir relativ systematisch vorgegangen und dann zum Schluss gekommen, dass fuer unser Vorhaben und fuer uns persönlich ein Motorrad das adaequate Fahrzeug ist. Ausschlaggebende Faktoren waren Flexibilitaet, Unabhaengigkeit und Eigenstaendigkeit. Unter diesen Aspekten ist Toeff fahren eindeutig interessanter als Auto oder öV. Zum andern entscheidet man sich den Kampf gegen Wind und Wetter aufzunehmen. In einem klimatisch so vielfaeltigen Land wie den USA eine Herausforderung, welche zuweilen an die koerperliche Substanz geht.


Mir persoenlich machte mehr als alles andere der Wind zu schaffen. Wenn es kalt ist, so freue ich mich schon waehrend der Fahrt auf eine heisse Dusche am Abend in einem Motelzimmer, zelten muss dann nicht unbedingt sein. Ein Schokoriegel mit viel Nuessen beruhigt das Gemuet unterwegs. Doch kaempft man tagelang gegen stuermische Boeen, so geht mir das auch regelrecht an die Psyche, so dass ich mich zwischendurch frage, warum ich mir das antue.


Kurz nach Weihnachten 2000 befanden Jasmin und ich uns eines Morgens im Zentrum eines Sturms auf dem Weg mit dem Auto von Zuerich nach Bern. In den Nachrichten hiess dieser Sturm spaeter Lothar und war Mittelpunkt der oeffentlichen Diskussion. Damals hatten wir noch unseren Spass, haben respektvoll gestaunt ab der Naturgewalt, welche links und rechts von uns Baeume wie Zuendhoelzer umknickte. Beeindruckend, wie wir uns mit ausgebreiteten Armen gegen den Wind lehnen konnten, freudig spielerisch, um spaeter schnell wieder ins Auto zu steigen und die Klimaanlage etwas waermer einzustellen, wurde es draussen doch ein wenig kuehl.


Gnadenlos zehrt der Wind am Koerper, klammert sich an jeder Unebenheit wie ein Freeclimber sich an einer Felswand festhaelt. Ich muss mich mit meinem ganzen Gewicht dagegen stemmen, sitze nur noch mit einer Gesaesshaelfte auf dem Sattel, hange da wie ein Motorradrennfahrer in einer Kurve mit dem Unterschied, dass da keine Kurve ist, sondern nur unendlich weite Geraden und der unablaessige Wind aus schraeg entgegengesetzter Richtung. Obwohl ich mit Kraft das Motorrad, welches durch seine Bauart einen hohen Schwerpunkt hat, in eine Schraeglage druecke, leicht nach vorne gebeugt, da ich befuerchte, den Grip auf dem Vorderrad zu verlieren, kann ich nicht verhindern, dass es mich zwei, drei mal auf den Pannenstreifen schleudert.
Nach der heftigsten Etappe und etwa der dritten mit starkem Wind in Folge, habe ich Druckstellen am linken Wangenknochen, sehe aus als haette ich mich an einem Bretzel verschluckt und sei dann hingefallen.


Alles in allem hatten wir Glueck bei der Ost- West- Durchquerung. Gemaess Zeitungsberichten geht der Fruehling 2003 in die meteorologische Geschichte Amerikas als der bislang stuermischste ein. Ueber 400 "touch downs" wurden registriert, Tornados, dessen Sturmsaeule den Boden beruehren. Mit Hilfe von Radarbildern vom Wetterkanal haben wir unsere Route immer wieder anpassen koennen, nur einmal sind wir in einen kleinen Hagel gefahren: Westlich von Dallas verschwand die Sonne so ploetzlich, wie sie zehn Minuten spaeter wieder auftauchte. Dazwischen heftiger Regen, als Hoehepunkt prassten reiskorngrosse Hagelkoerner auf uns herab, denen meine Jacke nichts zu widersetzen hatte. Wie kleine Granaten durchdrangen sie das Spezialgewebe meines Kombis, welches ansonsten wunderbar dicht haelt. Als waere man von Termiten befallen (diese Erfahrung fehlt mir zwar zum Glueck noch, doch ich stelle mir das so vor) pieckste es am ganzen Oberkoerper. In diesem Moment musste ich schmunzeln, da ich mir gedacht habe, dass andere fuer diese Abfertigung zwielichtige Studios aufsuchen und dafuer auch noch bezahlen.


Die Grosswetterlage, welche in den letzten paar Wochen wetterbestimmend war, brachte auch aussergewoehnliche Kaelte und nochmals viel Schnee in die hoeher gelegenen Lagen. So erlebten wir Etappen, an denen die Temperatur von +30 Grad Celsius bis +30 Grad Fahrenheit (ca. 0 Grad C) wechselte. An der Grenze zwischen Nevada und Kalifornien sind wir gar zwei Tage wegen Schneesturm festgesteckt; in einem Touristenort namens "Lake Tahoe". Ein ganz herziges Dorf, viele spanisch sprechende Einwohner, hauptsaechlich Gastarbeiter, welche in den zahlreichen Hotels, Motels und Restaurants arbeiten. Ein (fuer Schweizer Verhaeltnisse) grosser See, Skigebiet, bewaldete Huegel. Skisport ist der Stolz der Region, Daron Rahlves, Gewinner der diesjaehrigen Streif Abfahrt, stammt von hier und noch etwas erwaehnenswertes bringt dies mit sich: Waehrend ich des oefteren das Gefuehl habe, die Leute welche mich nach meiner Herkunft fragen, nicht recht wissen ob Switzerland eine Stadt an der Ost- oder an der Westkueste ist, wird man in Lake Tahoe gefragt, von welchem Teil der Schweiz man komme. Der Kassierer im Supermarkt meint bescheiden, er sei halt selbst ein paar Jahre Skirennen gefahren.


Im Moment haben wir weder starken Wind noch zerstoererische Hitze. (Die Hitze ist ein anderes Thema: Nach einem anstrengenden Tag, im Feierabendstau eines Wuestenkaffs braucht es manchmal die letzten Reserven, die Contenance nicht zu verlieren. Auf einmal versteht man Camus.). Heute hatten wir Regen und keine zehn Grad. Ich weiss manchmal wirklich selber nicht, weshalb ich das mache. Doch ich freue mich jeden Morgen darauf, weiter zu fahren. Es macht immer noch Spass, Motorrad zu fahren. Und so lange das so ist, mache ich weiter.


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Written on the 33rd day of trip I - America/Africa
8'863 Km on the road


Route in Canada


 
 
 
 
 

Fotos around that time

Bay Bridge Frisco Down-Town
Bay Bridge Frisco Down-Town
Foto taken around San Francisco, USA.
May 2003
Am Highway Number 1
Am Highway Number 1
Foto taken around San Francisco, USA.
May 2003
Am Highway Number 1
Am Highway Number 1
Foto taken around San Francisco, USA.
May 2003
Golden Gate
Golden Gate
Foto taken between Lake Tahoe and San Francisco, USA.
May 2003