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Wolf in Laos

Written in Laos
12/25/2010 by phil

Du kennst ja nun Phil auch schon eine ganze Weile. Da weisst du ja auch, dass wenn er länger nichts von sich hören lässt, dass er dann verstärkt mit sich selber beschäftigt ist. Zwar habe ich ihm wiederholt empfohlen, zuerst nett und dann etwas bestimmter, er solle endlich seine Notizen aus Nord-Laos in einen Text packen, doch im Moment, glaube ich, geht es wirklich nicht. Aber da ist er natürlich ganz selber schuld. Als es ihm noch besser ging, da hatte der Herr Abenteurer ja keine Zeit, weil immer unterwegs oder mit Reisebekanntschaften am Quasseln. Ich habe sofort bemerkt, dass er häufiger Toiletten aufsuchte und das ist nicht alleine wegen dem erhöhten Beerlao-Konsum. Überhaupt frage ich mich, warum Erinnerungen immer mit Alkohol aufgebrüht werden müssen, um sie in Gruppen zu teilen. Ja logisch habe ich ihm das auch gesagt. Auch gleich dass die dunkelblauen Schatten unter den Augen nicht einfach so ins Gesicht gemalt sind und dass das ewige frühe Aufwachen nicht ein Zeichen von zu viel Energie ist, sondern weil er überspannt sei. Darauf habe ich mich wieder ein wenig beruhigt, denn er hat sich so aufgeregt, dass ich merkte, da ist schon noch Kraft übrig. Du darfst jetzt nicht von mir denken, ich würde ihn nicht unterstützen. Im Gegenteil, manchmal habe ich das Gefühl, ich bin derjenige von uns beiden, der sich um ihn sorgt. Damit meine ich jetzt nicht die Höhlenbesichtigung bei Vang Vieng. Denn da hat er sich ja auch Sorgen gemacht. Nein solche Sachen passieren. Wobei es wieder einmal genau eine Geschichte ist, über die sich alle an den Kopf langen würden, wäre es schief gelaufen und das Erlebnis als Agenturmeldung in allen Gratiszeitungen. Ein Tourist in der morgendlichen S-Bahn würde vermutlich denken, die Schweizer hätten alle Läuse, wenn sich der ganze Wagen an den Kopf langt. Also jeder für sich, nicht so wie in den kleinen laotischen Dörfern, bei denen sich die Leute gegenseitig im Kopf wühlen. Aber eben, das passiert und bevor man bemerkt, dass der Führer gar kein Führer sondern ein Reisbauer ist, steht man an einer hundert Meter hohen Klippe und niemand hat eine Ahnung und auch keine Machete, mit welcher man von diesem von Dschungel bewachsenen Karsthügel wieder herunter kommt. Denn die waghalsigen Kletterpartien im Innern der Höhle waren ohne Seil nur one-way. Aber Phil hat in seiner Kindheit ja etwas Übung im Klettern gesammelt und nach der ersten Partie dachte er sich noch „oha“ und etwa nach der vierten „hier gehe ich aber nicht zurück“. Oben auf dem Hügel, nachdem sie sich durch ein enges Loch nach draussen gezwängt hatten, hat er erst bemerkt, dass der Bauer der sein Reisfeld gleich am Fusse des Hügels bestellt, die Orientierung komplett verloren hat. Erst habe ich noch gesagt, er solle doch wenigstens kurz die Aussicht über die Reisfelder geniessen, aber da hat er sich schon so geärgert über sich selber, dass er mit seiner Erfahrung in eine solche Situation kam. Die Gummistiefel des Bauern und die Tatsache, dass dieser aber auch nicht ein Wort Englisch spricht, hätte Hinweis genug sein müssen. Ein weiteres Mal nahm ich Phil beim Arm und zeigte mit der anderen Hand in die Ferne. Er war aber darum bemüht, Druck vom bedauernswerten Bauern, der in seiner Verzweiflung schon damit begonnen hatte, mit seinem Vieh im Tal zu kommunizieren, zu nehmen. Offensichtlich und für mich nur so erklärbar, dass er Phils Schulterzucken bei Weggabelungen nicht als „mir egal, du bist der Guide“ aufgefasst hat, hat sich der Bauer ja gedrängt gefühlt, so weit zu gehen, bis dass er sich nicht mehr auskennt. Nun ging es Phil darum, dass der Bauer die Nerven sammelt und einen Weg findet, der nicht an einer Klippe endet. Nach zwei Stunden war ja wieder alles paletti, um nicht zu sagen, alles im Grünen. Denn Grün hatte Phil nun genug für diesen Tag. Auch die gurkenartige Frucht, welche an Bäumen wächst und aus der sich reichlich Wasser ausquetschen lässt, hat er verschmäht. Da geht er mir dann jeweils schon zu weit in seiner Sturheit. Also ich habe diese Riesenzucchetti genossen und sogar noch eine zweite vom überglücklichen Bauern angenommen. Erst auf dem Motorrad, ich habe ihm beide Schultern zwischen meinen Daumen und Zeigefinger eingeklemmt, da hat er auch wieder lachen müssen. Ich sage ihm dann immer, eine Motorradreise besteht nicht nur aus einer Benzinstatistik.

So richtig die Kante hat ihm das Medikament gegeben, welches er einmal im Monat nimmt. Gemeinerweise heisst es „Bonviva“, aber in Tablettenform hat Phil das noch nie wirklich ertragen. Zu Hause hat er sich aus diesem Grund für die Infusion entschieden, was die Krankenkasse durch Unterstützung seines Arztes glücklicherweise auch bewilligt hat. In Vientiane lief an diesem Tag dann aber gar nichts mehr ausser seinen Darm. Zusammen mit der feuchten Kühle, der Parasit des nächtlichen laotischen Nordens, welche sich in seinen Körper eingenistet hat und seither unablässig den Körper zu erhöhter Temperatur drängt. Innerhalb Stunden schwindet das erhabene Gefühl unbegrenzter Stärke und Glück. Wie auf der Klippe das GPS Gerät angezeigt hat, dass das Motorrad gerade einmal 200 Meter entfernt steht, davon 100 senkrecht, so unüberwindbar sind in diesem Moment Schmerzen und Schwäche. Es sind diese Momente, in denen ich hilflos daneben stehe und nie weiss, wie ich Phil am besten helfen kann. Was soll ich entgegnen, wenn er zu Recht sagt, er hätte das perfekte Alter um mit dem Motorrad zu reisen? Er hat das Budget, welches ihm ein sorgloses herum tingeln ermöglicht, ohne an Geld denken zu müssen. Die bis anhin gesammelten Erfahrungen geben ihm eine Ruhe, dass er von sich selbst behauptet, noch nie so intensiv aufgenommen und genossen zu haben. Gerade seit seiner Krankheitsgeschichte verspürt er auf Reisen jeden Tag ein ergreifendes Glück und eine Dankbarkeit dem Leben gegenüber. Er hat mir erzählt, dass er sich jeweils vorstellt, dass er aus dem Universum auf unseren kleinen blauen Planeten schaut. Sieht, wie er auf dem Motorrad auf einer Strasse fährt, entlang der Burmesischen Grenze, durch Wälder, über Hügel, auf einer Schotterpiste in Laos, überall. Überall auf dieser Welt. Dann ist Phil glücklich wie nie sonst und denkt manchmal „wenn es morgen vorbei ist, ich habe alles gehabt was man sich nur wünschen kann, ich bin zufrieden“. Du kennst das Kinderlied vom Hans Dampf? Das was er hat, will er nicht und das was er nicht hat, will er? Kommt dir bekannt vor? Ja, unser ganzes Leben ist danach ausgerichtet, das Junge Leben immerhin. Wenn ich jetzt einfach einmal daran denke, was der Durchschnittsbürger für eine neue Jeans ausgibt, obwohl die alte noch gut ist. Aber das ist nur meine Meinung. Zurück zu Phil im Universum, der auf sich selber hinunter schaut. In diesen Momenten, da gibt es nichts mehr, was er will. In Indien hat er einer Gruppe von Frauen gesagt, er reise diese Reise nicht mit dem Kopf, wie bisher, sondern mit dem Herzen. Neigt dabei den Kopf theatralisch leicht gegen links. Kinn und Blick nach oben Richtung Schöpfer oder demütig gegen unten wie der Erlöser, das weiss ich nun nicht mehr. Aber da hättest du die Gesichter der Frauen sehen sollen, die sind natürlich geschmolzen. Und da muss ich Phil nun doch wieder mal einen kleinen Vorwurf machen, denn er hat natürlich genau gewusst, was er sagt. Seine ältere Schwester hat ihm ja in seiner Jugendzeit alles beigebracht, was man da so sagen muss vor einer Gruppe von Frauen in Indien. Und ich unterstelle ihm jetzt einfach einmal, dass er diesen Spruch absichtlich so formuliert hat. Auch wenn es stimmt, da will ich nichts gesagt haben, er hätte aber auch einfach „geile Reise“ sagen können. Du magst jetzt denken, das ist aber stark von Phil, dass er seine innere Ruhe auf diese Art findet. Vielleicht hat er das selbst sogar einmal gesagt oder nur gedacht, innere Mitte und so, weiss ich jetzt nicht mehr. Aber dieser Mittelpunkt wird auseinandergerissen, wenn Körper und Geist derart stark auseinander driften. Die stillschweigende Kooperation zwischen Körper und Geist, in welcher sich beide Seiten verpflichtet haben, dem anderen gut zu schauen, wird instabil. Dann kann ich nur noch zuschauen, wie Phil zu hadern beginnt mit seinem Körper. Zwar könnte er jeden Tag die Reise abbrechen und nach Hause zurückkehren, von aussen ist es doch einerlei, weshalb jetzt eine Reise fertig ist. Alle wären glücklich dass er zurück ist und dass er auf die Kinder aufpassen kann, um wieder einmal in den Ausgang zu gehen. Aber da ist Phil auch immer noch ein wenig Hans Dampf. Jeden Tag nach Hause und trotzdem zufrieden sein, das gilt für ihn nur, wenn er den Zeitpunkt selber wählen kann. Ich kann den Spruch nicht jedes Mal bringen, auch so ist er schon abgegriffen genug. Und trotzdem gibt es irgendwann den Zeitpunkt, an dem ich Phil weder zuhören noch zusehen mag, ohne etwas gesagt zu haben. Üblicherweise lege ich dann die „aber du hast das wenigstens alles einmal gehabt“ Scheibe auf. „Es ist einfach schwer loszulassen. Schwer, loszulassen.“.

Auch wenn Phil sich selber nicht als starken Mann sieht, so glaube ich, dass seine Schwester ihn nicht umsonst „alten Kämpfer“ nennt. Also ehrlich, ansehen würde man ihm das tatsächlich nicht, da täuscht kein Dreitagebart. Aber nach einer meistens kurzen Phase der Trauer beginnt er wieder mit laufen. Sogar eher zu früh als zu spät rappelt er sich mit „es geht schon“ auf, um ja den Zeitpunkt nicht zu verpassen, aufzustehen. Tagelang schleppte er sich einige Kilometer weiter, ernährte sich von gekochtem Reis, legte sich nach Ankunft an einem neuen Ort sofort hin. Eins muss man Phil lassen, nämlich dass er in den vergangenen Jahren gelernt hat, seinen Körper zu spüren. Ja, zuhören ist eine andere Sache! Aber immerhin, spüren, ist auch schon was. So bemerkte er, dass die Energiebilanz sich nicht verbesserte. Ich merke das dann auch, wenn wir abends auf dem Bett liegen und nicht gerade von Wanzen abgelenkt werden wie in Thakhek, so spricht er von Zärtlichkeit, die er vermisst. Sanfte Berührung, streicheln, das Atmen, der Geruch des anderen. Denn wenn es ihm richtig gut geht, dann ist es Sex. Aber jetzt, Zärtlichkeit, an Sex ist überhaupt nicht zu denken. Und das ist natürlich immer ein Alarmzeichen für einen Mann in seinem Alter. Also reichte ich ihm das Breitbandantibiotika und da bin ich froh, gehört Phil nicht zu den Skeptikern, die meiner Meinung nach einfach nie wirklich genug krank waren, um die moderne Chemie schätzen zu lernen. Nein, Phil wirft sich mittlerweile bedenkenlos alles ein, viel hilft viel und je länger die Liste der Nebenwirkungen, umso besser. Es ist mir immer wieder ein Rätsel, wie diese Pillen funktionieren und was sie bewirken. Genauso rätselhaft, wie ein Fernseher funktioniert. Da ist dieses eine dünne Kabel, das kommt aus der Steckdose und in diesem sind alle die Bilder versteckt. Denke nur mal daran, wie viel Speicherplatz deine Digitalkamera für ein einziges Foto braucht. Nun gut, die Auflösung ist geringer beim Fernseher, aber dafür sind es 24 Bilder pro Sekunde. Das nicht für einen einzigen Sender, sondern für 50 Sender gleichzeitig! Alles in diesem Kabel drin. Mit Ton. Ehrlich, ich kenne die Theorie, aber vorstellen kann ich es mir nicht wirklich. Genauso mit diesen Medikamenten. Meistens ist es gepresstes Pulver unterschiedlicher Farbe, praktisch immer verdächtig klein. Auch der Vorgang ist immer in etwa Mund auf, Medikament rein, schlucken. Woher weiss das Pulver, wo es was zu tun hat? Der Wirkstoff hat ja weder GPS Gerät noch Orientierungskarte dabei, das hätte ich gesehen. Klar, Rezeptoren und so, das ist so das Pseudowissen, welches man im Leben so mitbekommt, ohne genau zu verstehen, was im Detail geschieht. Wie beim Fernseher eben. Aber erstaunlicherweise und zum grossen Glück für Phil half es schnell und nach drei Tagen kamen Kraft und damit Ideen zurück. Ich witzle jetzt immer und nenne ihn Antibiophil. Es hilft mir, denn ich habe mich innerlich schon auf ein längeres Desaster-Management eingestellt und mir schon unterschiedlichste Notfallpläne zurechtgelegt. Jetzt bin ich einfach froh, dass es ihm wieder besser geht. Zwar sind wir nun mit Pakxe am Grenzort, von wo aus wir nach Thailand fahren werden. Wenn er nun aber unbedingt noch die miserable Route 18 südlich des Bolaven-Plateaus fahren möchte, um dann nochmals diese einmalig schöne Auffahrt zu diesem Plateau hoch zu reiten, dann sage ich ihm nur: „Hit the road, my friend!“.

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Written on the 159th day of trip IV - India/Asia/Australia
12'884 Km on the road


Route in Laos


 
 
 
 
 

Fotos around that time

Intensive Farben auf dem Loop um Thakhek, Laos
Intensive Farben auf dem Loop um Thakhek, Laos
Foto taken between Khoun Kham and Thakhek, Laos.
Dec 2010
Der berühmte Loop um Thakhek, Laos
Der berühmte Loop um Thakhek, Laos
Foto taken between Khoun Kham and Thakhek, Laos.
Dec 2010
Tham Neun Stausee, Laos
Tham Neun Stausee, Laos
Foto taken between Khoun Kham and Thakhek, Laos.
Dec 2010
Abendstimmung Thakhek, Zentral Laos
Abendstimmung Thakhek, Zentral Laos
Foto taken between Khoun Kham and Thakhek, Laos.
Dec 2010