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Jasmin!

Written in Singapur
10/15/2010 by jazz

Sonntag, 10.10.10, 23.35 Uhr. „Jasmin!“ Habe ich schon geschlafen? Egal. Dieses „Jasmin!“ aus Philipps Mund kam derart scharf, bestimmt und energiegeladen, dass ich stehe im Bett. Und ganz egal was auch immer er jetzt dann gerade sagen wird- ich werde es glauben. „Ich kann fliegen.“ Jawohl Philipp, das glaube ich dir. Natürlich hat er nicht das gesagt. Obwohl, es ist nahe dran an dem, was in den nächsten 40 Stunden geschah. Wenn Bedürfnisse beflügeln!

„Ich muss hier raus. So schnell wie möglich!“ Am liebsten hätte ich auf der Stelle die Koffer gepackt, so sehr war ich einverstanden mit ihm. Liegt er doch seit gut drei Tagen mit Fieber und Bauchkrämpfen im Bett. Könnte er noch was essen, hätte er Durchfall. So verbrachten wir die letzten Tage, was sage ich, die letzten Wochen immer irgendwie mit Warten. Erst auf Kochin: die Hauptstadt Keralas mit Sehenswürdigkeiten, sauberen Restis und Unterhaltung aller Art für Reisende. Weit gefehlt. Dann in Kochin selbst sechs Tage auf den Zug nach Goa: wo endlich alles sauberer, besser weil touristischer sein wird. Weit gefehlt- trotz Steppvisite ins Hyatt. Und dann in Goa: Warten auf den Zug nach Delhi und auf die Genesung von Philipp. „Hier, in diesem Land, werde ich nicht gesund. Ich brauche gutes Essen, saubere Luft und Strassen. Raus hier. Sofort! Egal wohin.“
Es ist beschlossen. Wir warten hier in Goa keine weiteren drei Tage mehr auf den gebuchten 35h Zug nach Delhi (wo wir nochmals sechs Tage wartend verbringen würden bis unser gebuchte Flug nach Singapur geht. Und ehrlich gesagt halten sich unsere Erwartungen an Delhi sowieso in Grenzen).

Montag, 11.10.10, 9.30 Uhr. Zum Frühstück für mich ein Reiheli Schoggi (klingt super, schmeckt aber am 5. Tag nicht mehr ganz so toll, ist aber das Einzige, was mein Magen hält), nach dem Frühstück also ziehe ich los auf Madgaos Strassen. Ich ignoriere den süssen Fäulnisgeruch, die rauchenden Abfallhaufen vor jeder Haustür, die Duzenden von Hunden mit ihren verpilzten Fellen, den Lärm der Autos und konzentriere mich auf die freundlichen Gesichter der Einheimischen sowie auf die Schilder an den Hausmauern. Da, Internet! Schnell ist die Telefonnummer von Malaysia Airlines in Delhi gefunden. Einer Flugumbuchung steht nichts mehr im Wege. Jetzt schnell zurück zu Philipp ins Hotel. Und unterwegs kaufe ich ihm noch sein Frühstück: eine Dose Coca Cola.

Montag, 11.10.10, 10.30 Uhr. Philipp duscht, als der 2. Rückruf von Malaysia Airlines bei uns eintrifft: die Flüge sind für 25 CHF Umbuchungsgebühr umgebucht auf morgen Dienstag, 12.10.10, 23.55 Uhr ab Mumbai nach Singapur via Kuala Lumpur. Wir müssen lediglich die Umbuchungsgebühr persönlich bei Malaysia Airlines in Mumbai etwas ausserhalb des Flughafens in der Stadt vorbei bringen. Dort erhalten wir dann unsere Tickets. Und obwohl diese Stadt Mumbai im Moment noch über 500km von uns entfernt ist, gehen wir die Abmachung ein. „Klar, morgen Mittag holen wir die Tickets bei ihnen ab. Thank you very much!“, sagte Philipp und geht fertig duschen, nachdem er mir meine Freudes- und Erleichterungstränen aus meinem Gesicht gewischt hat.

Montag, 11.10.10, 12.30 Uhr. Nach einem weiteren Internetbesuch sind wir stolze Besitzer eines Flugtickets Goa-Mumbai für Dienstagmorgen früh. Es gibt für den besagten Morgen nur zwei Flüge und in einem hatten wir noch Platz und konnten online buchen! Was für ein Glück! Auch ein Hotel in Singapur ist schnell gebucht. Der Plan könnte aufgehen. Wir sind glücklich, erleichtert und erschöpft ab dieser Ereignisse. Wir verschlafen, wie so oft die letzten Tage, den ganzen Nachmittag. Mittagessen? Coca Cola und ein Reiheli Schoggi…

Montag, 11.10.10, 17.30 Uhr. Wir packen. Die beiden in Kochin gekauften Koffer müssen mit Sorgfalt gehandhabt werden, da schon beide da und dort defekt. Also minimieren wir nochmals Gewicht wo es geht. Kleider habe ich nur noch diejenigen, die ich trage. Die restlichen Stücke, seit 10 Wochen ohne Seife „gewaschen“, stinkend nach verbrannten Plastik und Abfall, landen ohne mit der Wimper zu zucken genau dort.

Montag, 11..10.10, 21 Uhr. Nach einem Teller Reis-Nature schlafen wir erschöpft ein.

Dienstag, 12.10.10, 5 Uhr. Der Wecker geht. Und wir auch! In der Lobby räkelt sich der Junge auf dem Sofa, zweifelsohne sein Schlafgemach, und organisiert uns ein Taxi. Durch ein noch dunkles Goa geht unsere 18km Fahrt an den Flughafen.

Dienstag, 12.10.10, 7.30 Uhr. Nachdem unser Gepäck durch den Scanner inmitten der Halle gelaufen ist checken wir ein. Unglaublich, es ist geschafft! Und während ich den zwei Frauen, die in geduckter Haltung mit ihren Reisbesen das Rollfeld des Goa International Airport wischen, zuschaue, versuche ich meine Gefühle auf eine Reihe zu kriegen. Meine Sorge um Philipp, dessen Gesicht öfters Mal die Farbe wechselt, lenkt mich von meinem Bauch ab.

Dienstag, 12.10.10, 8.10 Uhr. Abflug mit Jet Air. Goa verschwindet unter uns und schon eine Stunde später landen wir in Mumbai.

Dienstag, 12.10.10, 9.20 Uhr. Glücklich hieven wir unsere zwei Koffer auf den Gepäckrolli. Sie haben den Flug überstanden. Und obschon die Rollen unten jetzt auch noch weg sind sehen sie durchaus weiterreisetauglich aus.

Dienstag, 12.10.10, 10.50 Uhr. Per pre-paid Taxi geht es mit dem ganzen Gepäck vom Flughafen Mumbai durch die Slums Richtung Stadtzentrum. Dort verschwindet Philipp in einem mehrstöckigen Gebäude während ich auf Taxi, Fahrer und Gepäck aufpasse.

Dienstag, 12.10.10, 11.10 Uhr. Er kommt! Seine linke Hand zeigt den OK-Daumen hoch und in seiner Rechten hält er einige Papiere. Und in seinem Gesicht ist so viel Rot wie schon seit Tagen nicht mehr! Yeah- geschafft!

Dienstag, 12.10.10, 11.45 Uhr. Am Mumbai International Airport wollen wir in die Abflughalle um unsere 12 Stunden bis zum Abflug zu warten. Geht nicht. Sicherheit. Da dürfen wir erst drei Stunden vor Abflug rein. Also warten wir in einer gekühlten Halle für Besucher. Hier gibt es nix zu Essen zu kaufen und zu trinken nur Kaffee. Die Halle kostet Eintritt, Klo ist gratis. Was soll’s, so erleichtert habe ich schon lange nicht mehr gewartet. Und Schoggi und Cola haben wir ja auch noch. Die Zeit vergeht schnell. Noch 9,8…5,4…3 Stunden. Einfach mit Nix-tun, quasi auf Standby.

Dienstag, 12.10.10, 21 Uhr. Wir checken ein und gelangen in die Duty Free Zone. Hier essen wir Reis und besteigen kurz vor Mitternacht den Flug MH 195. Philipp kuschelt sich sofort in den Sitz mit Kissen und Wolldecke, Mütze über die Augen und weg. Und ich? Müde? Eigentlich ja schon- aber so was von nervös und ungeduldig! Ich will einfach gaaanz sicher sein, dass wir hier wegfliegen Richtung Kuala Lumpur. Gerne nehme ich die Kopfhörer, schaue zwei Spielfilme, geniesse den Rotwein und mein letztes Reiheli Schoggi. Geschlafen habe ich in den letzten Wochen genug.

Mittwoch, 13.10.10, 7.20 Uhr. Wir landen in Kuala Lumpur. Weil Philipp seit Tagen davon träumt, wieder einmal ganz fein Vitamin Pur zu sich nehmen zu können, organisiere ich uns als erstes einen Sitzplatz im erst gesichteten Resti im Duty Free Kuala Lumpur und bestelle zwei heisse Schokoladen und eine Orange für Philipp. Zum Staunen, Geniessen und überhaupt Realisieren, dass ich nicht mehr in Indien bin, dazu komme ich gar nicht. Zügig geht es weiter mit einer Flughafenreise ans nächste Gate, rein in unseren nächsten Flieger.

Mittwoch, 13.10.10, 9.25 Uhr. Abflug aus Kuala Lumpur.

Mittwoch, 13.10.10, 10.25 Uhr. Ankunft in Singapur. Gepäck holen, die Koffer sind noch ok, und dann reibungslos durch den Zoll.
Grösser könnte der Kontrast der Welten, in denen ich mich in den letzten 40 Stunden bewegt habe, nicht sein. Singapur ist genauso, wie man/frau es bei uns immer hört: Ultimative! Sauber, leise, organisiert, Hightech und es hat alles, einfach alles im Überfluss. „A new journey begins“ verspricht ein grosses Werbeschild an der Wand der Taxiwartehalle. Auf der Taxifahrt ins Hotel schlucke ich leer und versuche die Tränen zurück zu halten. Doch ich bin zu überwältigt. Überwältigt von so viel!

Indien ist ein 3.Weltland und wir hätten niemals derart lange (12 Wochen) hier bleiben dürfen. Selber schuld. Was wir wollten, nämlich Motorradfahren, geht in diesem Land nicht (bei allem Respekt, die Inder fahren wirklich selbstmörderisch). Also haben wir in Indien eigentlich nach etwa vier Wochen Aufenthalt nichts mehr verloren- ausser unserer Gesundheit.
Ich möchte hier nicht im Detail erläutern, was wie schlimm, grausam, eklig, gefährlich usw. war/ist. Das haben Philipp und ich auch in unseren bisherigen Berichten nicht im Detail getan, absichtlich. Daher mag unsere „Flucht“ aus Indien überraschen oder gar übertrieben klingen. Ist sie aber nicht. Es war wirklich höchste Zeit, dieses Land zu verlassen: unserer Gesundheit und auch all unseren guten und schönen Erlebnissen in Indien zu Liebe.

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Written on the 88th day of trip IV - India/Asia/Australia
4'550 Km on the road


Route in Singapur


 
 
 
 
 

Fotos around that time

Zwischen Parkhaus und Einkaufszentrum
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Ruhige und breite Strassen in Singapur
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Skurrile Fassaden in Singapur
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Jazz startet durch in Singapur
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Foto taken between Kuala Lumpur and Singapore, Singapur.
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