Auf den ersten Blick erstaunt es nicht, wenn man sich ausgerechnet in Indien reich fühlt. Natürlich aus der Perspektive eines Westlers. Denn für unsere Verhältnisse ist in Indien vieles günstiger als wir es von Europa gewohnt sind. Und da der Mensch ja gerne vergleicht, ist es natürlich toll, der König unter Bettlern zu sein. Das mögen die meisten Menschen viel eher als der Bettler unter Königen zu sein, auch wenn man im Land der Könige objektiv auf einem höheren Standard lebt, auch als Bettler.
In den ersten paar Wochen unterwegs habe ich auch viel beobachtet, verglichen, bewertet und vor allem auch versucht, für alles das, was ich sehe und erlebe, Erklärungen zu finden. Dieses Vorgehen rechnete sich für mich nicht. Indien ist zwar günstiger, doch auch für viel Geld ist nicht einfach alles zu haben und es wird auch mit noch mehr Geld nie sein, wie wir es uns gewohnt sind. Oftmals ist es in Indien so unterschiedlich, dass man verzweifeln könnte, ob dem warum. Diese Frage nach dem Warum kann zu einem richtigen Selbstläufer werden. Ich verstehe nicht, warum der Verkehr funktioniert, wie er funktioniert. Ich verstehe nicht, warum es riechen tut, wie es eben tut. Ich verstehe nicht, weshalb sie so miteinander umgehen, wie sie halt miteinander umgehen. Es ist unerklärlich und der gemeinsame Nenner der Antworten geht immer in die Richtung: Meine Güte, sind die doof. Das ist eine mögliche Antwort. Sie ist nicht mal falsch. Sie stimmt im Moment, für einen selbst, es ist eine von vielen möglichen Erklärungen. Aber sie macht nicht glücklich und die Folgefrage muss man sich gefallen lassen: Warum bist du überhaupt hier? Und genau diese Frage habe ich mir vor einiger Zeit gestellt. Leider habe ich vergessen, wann und wie ich zu einer Antwort gekommen bin. Ihr kennt mich, ich bin so was von unspirituell, es war nicht in einem Tempel beim Meditieren oder beim durch lesen der Strassenverkehrsordnung. Und ob ihr es glaubt oder nicht, soeben lärmen die Christen ein Ave Maria über die Lautsprecher auf der Strasse vor dem Hotel. In der Regel lärmen sonst die Hinduisten oder Muslime. Keiner der drei Lautsprecher kann ich als eingebende Quelle meiner Erkenntnis hervorheben. So wie Mücken auf einmal in einem Hotelzimmer auftauchen, ohne dass man weiss, woher sie gekommen sind, genauso überraschend kam der Einfall: Darum.
Das ist der ganze Trick. Ich bin gekommen um zu sehen, wie Indien ist, ohne das Erlebte zu bewerten. Die Frage ist nicht, ob es stinkt, sondern wie es riecht. Das klingt nach wenig, ist aber ein riesiger Unterschied! Die grosse Erkenntnis ist, dass ich es nicht verstehen muss, sondern nur wahrnehmen. Und plötzlich entfaltet dieses Land seine unglaublich vielfältige Schönheit. Die Leute und ihr Verhalten sind nicht mehr doof, sie sind einfach total verrückt und abgefahren. Die Fahrzeuge machen viel weniger Lärm, sie Hupen einfach. Und ich muss das nicht ertragen, sondern ich darf das erleben. Auf einmal ist alles, was mich umgibt bereichernd und jeden Cent wert, den wir in den Jahren zuvor für diesen Moment zur Seite gelegt haben.
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Written on the 51st day of trip IV - India/Asia/Australia
2'908 Km on the road