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Im Land von Butterbrot und Kaviar

Written in Switzerland
02/03/2008 by phil

Gefunden haben wir die wunderbare Almara im Internet. "Sie russisch lernen", klang es am Telefon, mehr als Aufforderung denn als Frage. Als Jazz dies bejahte meinte die Stimme am anderen Ende "Sie kommen Richterswil". Alles klar, Sprachkurs jeden Sonntagmorgen in der Nähe von Zürich bei der Stimme, die vom Akzent her genauso vielversprechend wie auch geheimnisvoll klang. Wilde Spekulationen, ob uns eine runde Babuschka oder eine grazile Spargel empfangen würde. Alles schien möglich, sicher war nur, Russland erwartet uns!

Die russische Seele
Gleich zu Beginn stellte Almara klar, dass sie aus voller Absicht und gewissermassen aus Protest nie Deutsch gelernt hat. Deutsch, so ihre Überzeugung, ist eine Militärsprache, nicht zuletzt da als sie vor 15 Jahren in die Schweiz gekommen ist, das alltäglich "Grüezi mitenend" als "Leutnant" missverstanden hatte. Als nächstes eröffnete uns die energievolle Mitfünfzigerin die russische Seele: Sie ist breit, nicht tief, so wie bei den Amerikanern, aber sonst anders. Das Lehrmittel der Wahl, ein kleines dunkelblaues Heft mit Strichmännchen auf dem Umschlag, sollten wir auf die Folgewoche besorgen, was nach einer aufwändigen Rechere gelang. Es handelt sich um das Begleitheft zu einem TV Sprachkurs aus dem Jahr 1967. Im Antiquariat gehandelt zu Preisen zwischen 3 und 60 Euro.

Guten Abend liebe Fernsehzuschauer
In der Einführung zum Lehrmittel aus 1967 - Breschnew war seit knapp 3 Jahren an der Macht, Luna9 gelang im Vorjahr die erste weiche Mondlandung und der Prager Frühling stand vor der Tür, was der Autor vielleicht nicht wusste - wird dem interessierten Leser die Relevanz der russischen Sprache vermittelt: "In der modernen wissenschaftlichen und technischen Literatur hat sich das Russische einen festen Platz erobert, und als offizielle Arbeitssprache zahlreicher internationaler Konferenzen und Organisationen gewinnt die russische Sprache in den internationalen Beziehungen immer mehr an Bedeutung.". Und dann war da Breschnew.

Das kleine Heft im dunkelblauen Umschlag, in weiss Bus von rechts, von Links und oben ein Auto, resp. Verkehrspolizist in Helikopter. Zwischen Bus und Auto eine grazile Spargel. Im Hintergrund und in rot die Dächer des Kreml. Politik hin oder her, 1967 haben sich offensichtlich einige Leute "im Westen" für den kulturellen Austausch eingesetzt. Auf mehreren dritten Programmen lief der "Frenseh-Kursus" zur Prime-Time. Wann die Erstausstrahlung stattgefunden hat, konnte ich nicht herausfinden, doch am 23. September 1967 um 18h30 wurde auf WDR3 Folge 30, "Der Münzfernsprecher" gezeigt, gleich nach " Rechtsfälle des Alltags" (haben wir das heute nicht auch wieder?) und vor "Formen des Lebendigen. Eine biologische Vorlesung von Adolf Portmann" (das haben wir eigentlich so ähnlich auch, nur unter dem Titel "the deadliest, most dangerous, king of the most evil of all killers, kill, kill, severe, forensic!!!").

Doch auch ohne Fernsehsendung ist das nostalgische Lehrmittel sehr hilfreich. Zum einen ist da Almara, welche uns ein realistischeres Bild von Russland als Kaviar und Wurst vermittelt, es gibt zahlreiche Illustrationen und kursive Erklärungen, was schwarz/weiss in der Kiste zu sehen wäre. Überzeugend ist vor allem der logische Aufbau, der ausgeglichene Mix zwischen Vokabular und Grammatik. Und so sind sonntägliche Glücksgefühle vorprogrammiert, auch wenn "Koks" und "guten Abend liebe Fernsehzuschauer" nicht zum Standardrepertoire unserer Reise gehören wird. Schon dass ich nun die 33 Buchstaben und Zeichen des Alphabets einigermassen erkenne und verstehe, ist ein Erfolgserlebnis. Das H ist ein N, das P ein R, das falsche N ein I und so weiter. Und wenn Almara mit Jazz über Präpositionen und dergleichen diskutiert, lehne ich mich beruhigt zurück und denke mir: Wir sind ja zu zweit unterwegs;-)

Überlebenssituation!
Noch bevor mich das greise, blaue Büchlein überzeugen konnte, haben wir uns schon "Ljestniza", was soviel wie "Treppe" heisst gekauft. Untertitel "(Überlebens-)Russisch für Geschäftsleute". Leider mussten wir das Heft bestellen, bevor wir es einsehen konnten. Aufbau nach Ablauf einer erfolgreichen Geschäftsreise mit klaren Lernzielen:

"Tag erster": Pass und Zollkontrolle, sich mit Geschäftspartnern bekannt machen, welche einen am Flughafen Moskau abholen.
"Tag vierter": Sich im russischen Fernsehprogramm orientieren.
"Tag sechster": Bei Tisch Witze erzählen.
"Tag siebenter": Souvenirs und Medizin kaufen.

Besonders angetan haben es mir jedoch die professionellen Tipps zum Leben: Nachdem man gelernt hat dem Zollbeamten auf seine Frage "Sind sie Tourist?", "Nein, Businessman" zu antworten, gibt es immer wieder Einschübe "Achtung! Überlebenssituation!". Sie brauchen dafür tatsächlich Schriftgrösse 36 und zwei Ausrufezeichen, was allerdings gerechtfertigt ist, bedenkt man die äusserst heikle Situation, dass sie am Flughafen Moskau ankommen, dem Zoll klar machen, dass sie nicht zum Spass hier sind und dann NICHT ABGEHOLT WERDEN!! Wenn das keine kritische und bedrohliche Lage ist. Die Rettung gestaltet sich schwierig aber der gewiefte Geschäftsmann wächst am Widerstand. Man suche einen "Bankomat" (das ist russisch und bedeutet Bankomat) und danach ein "Taksi" (das bedeutet Taxi!). Voila: zielorientiert, fokussiert, erfolgreich. Und an Plattitüde nicht zu übertreffen.

Bei der letzten Weiterbildung hat mich ein Professor, gebürtiger Ukrainer, betreut. Er meinte, als er von den Plänen erfuhr, "Geld hilft" und "wenn sie die ersten 100 Km im Westen überleben, haben sie es geschafft. Melden sie sich, aber erst, wenn sie zurück sind.". Da ich davon ausgehe - naive Hoffnung - die ersten 100 Km zu überleben, werden sie auf dieser Homepage noch einige Berichte lesen können: stay tuned for more happy days!

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Written on the 12th day of trip II - Austria-Russia-Mongolia
280 Km on the road


Route in Switzerland


 
 
 
 
 

Fotos around that time

Russisch für Sie, Teil 1
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Foto taken around Zuerich, Switzerland.
Feb 2008
Luna 9, 1. weiche Mondlandung
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Foto taken around Zuerich, Switzerland.
Jan 2008
Almara, Russisch Lehrerin
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Jan 2008
Almara, Russisch Lehrerin
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Foto taken around Zuerich, Switzerland.
Jan 2008