Written in Bolivia
08/26/2003 by phil
Steil fuehrt die Strasse nach unten, schlaengelt sich vom fuenfhundert Meter hohen Plateau der Klippe entlang an die Küste hinunter, bis Iquique erreicht ist. Die Stadt im Norden Chiles, auf einem schmalen Kuestenstreifen eingeklemmt zwischen Meer und der kargen, braunen Wand, steckt an diesem Tag wie waehrend dem ganzen Winter, in einem zaehen Nebel. Fuer die Sonne gibt es kein Durchkommen, eine feuchte Kaelte umhuellt Menschen und Haeuser, die ohnehin karge Landschaft wirkt ungastlich und waere sicher keinen Besuch wert, haette ich vor acht Jahren nicht genau hier einen wunderbaren Sommer erlebt, der im Kontrast zum Winter sehr heiss ist.
Iquique hat sich in den vergangenen Jahren stark vergroessert. Waren es damals noch etwa 110,000 Einwohner, so sind es heute schon deren 170,000. Der Zuwachs fand nicht nur an den beiden, angesichts der geographischen Lage moeglichen Enden statt, aufgefallen ist mir vor allem, dass die Haeuser in die Hoehe gewachsen sind. War frueher das meiste ein- bis zweistoeckig, gibt es mitlerweilen viele Gebaeude mit mehreren Etagen. Ganze Haeuserfelder der schachfoermig angelegten Stadt wurden platt gewalzt um neue Bauten zu erstellen. Die einstmals kleinen Hamburger- und Hot Dog Imbisse in er Naehe des Strandes sind weg, es gibt nun KFC und McDonalds. Stolz sind viele Bewohner auf das neue Supermarkt- Quartier und ein nobles Casino, wo frueher die pinkigen Neonroehren der Jugenddisco Cadillac leuchteten.
Das frueher gefuerchtete Armenviertel auf dem Plateau wuchs zu einem autonomen Stadtteil, die einstmals klaeglichen Huetten bekamen Farbe, es gibt Quartierstrassen, Passarellen, Laeden, Strom und Telefonkabel wurden gezogen.
Die Fahrzeuge haben ebenfalls einen Generationenwechsel durchgemacht. Vor allem die hunderttausend schwarz-gelb lackierten Collectivos, Sammeltaxis die Personen aufnehmen bis kein Platz mehr ist und der Reihe nach an die genannten Strassenecken fahren, erinnern nicht mehr an Ostblock, sondern an Japan. Das angestiegene Verkehrsvolumen wird nun mit Blinklichtanlagen gezuegelt, das Problem, dass jeder seine Karre einfach am Rand der eigentlich genug breiten Fahrbahn abstellt und damit ein Chaos ausloest, ist noch nicht geloest. An der Strandzeile wurde ein Park umgestaltet, mit bewaesserten Flaechen und einem Springbrunnen, was mich besonders erstaunt, erinnere ich mich noch gut an die Wasserrationierung dieser Wuestenstadt.
Ein Hotel zu finden, welches nicht entweder ein Loch oder ein ueberteuerter moechte gern first class Schuppen ist, gestaltet sich immer noch gleich schwierig, wie eh und je.
Alleine der genannten Veraenderungen wegen, hat sich der Abstecher nach Iquique gelohnt. Trotz Asienkrise und in Folge auch die Schwaeche der stark abhaengigen chilenischen Wirtschaft, hat ein sichtbarer Wechsel stattgefunden, resp. konnte der damals eingeschlagene Weg weiter gegangen werden, der starke Wunsch, sich ihrem Bild vom "reichen Westen" anzunaehern.
Das Highlight wartete am Abend auf uns. Ich konnte mich an den Namen einer Familie erinnern, bei welchen ich mich damals allabendlich zum Tee und Nachtessen einfand. Die Strasse und die Hausnummer glaubte ich zu wissen und die scheue Ahnung, dass das Haus weiss war. An der entsprechenden Adresse fanden wir tatsaechlich ein weisses Haus und da keine Namensschilder angebracht sind, habe ich einfach geklingelt. Volltreffer, die Ueberraschung war auf beiden Seiten gross. Die Eltern waren anwesend, die Tochter, mit welcher ich noch durch den Park am Strand schlenderte, bevor da ein Springbrunnen stand, ist mitlerweilen verheiratet, hat eine Tochter, mit schoener weisser Haut, wie die stolze Grossmutter wiederhohlt bemerkt, arbeitet im erlernten Beruf. Sie wohnt mit Mann und Kind in einem eigenen Haus. Waehrend dreissig Minuten unterhalten wir uns, ich frage sie nach den Personen der alten Clique. Der natuerliche Lauf der Zeit hat auch hier genagt. Der Saenger ist weg in Richtung Hauptstadt, der andere ist nun doch noch endlich Anwalt geworden, hat sich aber von der Jugendliebe getrennt, die wiederum in einem dieser neuen Centren arbeitet. An wiederum andere erinnert man sich gar nicht mehr. Wir erzaehlen ein wenig von der Reise, vertroesten die gute Frau damit, dass wir gleich nach Rueckkehr ganz viele blasse Babys auf die Welt stellen und verabschiedeten uns herzlich.
Unsere Route fuehrte uns weiter nach La Paz, Bolivien, ebenfalls gut bekannt von vergangener Reise. Die im Altiplano gelegene Stadt befindet sich in einem Gebirgskessel, beginnt auf einer Hochebene auf ca. 4,100 M.ue.M. Eine Autobahn klettert auch hier, wie in Iquique, den Felswaenden entlang nach unten, mitten ins Stadtzentrum in der Talsohle auf etwa 3,600 M.ue.M. Auf der Hochebene breitet sich mit rasendem Tempo ein neuer Stadtteil aus, gemaess Lonely Planet die am schnellsten wachsende Stadt Suedamerikas. Der Flughafen befindet sich nun nicht mehr am Rande der Aglomeration, sondern ist kaum zu sehen mitten drin. Je naeher man zur Schluchtkante kommt, von welcher es dann nach La Paz City hinunter geht, umso aelter und hoeher werden die einst einstoeckigen Haeuser. Viele davon tragen nun Farbe, meist bunt, dick aufgetragen und glaenzend, das obere Stockwerk wurde sichtbar mit Backsteinen gebaut, waehrenddem die Waende des Erdgeschosses noch mit Lehmziegeln gepflastert wurden. Beides sind deutliche Zeichen von wachsendem Wohlstand. Je weiter weg vom magnetischen Loch, umso erdiger und wackliger auch wieder das Bild der Gebaeude, in denen die Menschen wohnen. Nicht wenige Firmen versuchen mit diesem Stadtteil mit zu wachsen und haben sich hier einen Standort gesichert.
In Zentrum selbst hat sich nach meiner Erinnerung nicht viel geaendert. Hochhaeuser gab es bei meinem ersten Besuch schon zahlreiche, so dass es mir nicht moeglich ist, eine einzelne oder einige wenige Aenderungen in der Skyline zu erkennen. Mindestens eine verheerende Aussage fuer jeden Architekten, der in der Zwischenzeit ein Wolkenkratzer in La Paz erstellt hat. Das Strassenbild hindessen hat sich natuerlich mit der technischen Entwicklung unserer Zeit mit veraendert. War damals Internet weder bei uns, geschweige denn in Suedamerika ein Thema, so sind heute Internetcafes an jeder Ecke zu finden. Im Gegenzug verschwand die internationale Presse von den Medienstaenden entlang der belebten Strassen im Geschaeftsviertel. Gehoerte das Grasen nach einer moeglichst weniger als zwei Wochen alten Neue Zuercher Zeitung damals zu meinem festen Tagesinhalt, so sind heute so gut wie alle auslaendischen Zeitungen, auch die grossen amerikanischen Titel, verschwunden. Ebenso augenfaellig wie die Internetbuden sind die zahlreichen, wir haben in unserer Sprache keinen Namen dafuer, da es so etwas bei uns nicht gibt, ich nenne sie deshalb einmal "mobile Gespraechsanbieter". Mit einer leuchtenden Weste bekleidet, wie sie bei uns ein Strassenarbeiter trägt, was sie sinngemaess auch sind, und einem Mobiltelefon, welches mit einer meterlangen Kette am Handgelenk befestigt ist, bieten sie Telefongespraeche ueber ihr Natel (schweizer. Ausdruck fuer Handy, steht fuer "Nationales Auto Telefon") an. Dieser Service wird morgens, ueber Mittag und um Feierabend herum rege in Anspruch genommen. "Ich bin unterwegs und komme in zwanzig Minuten nach Hause" sorgt also auch in Bolivien fuer eine ansprechende Auslastung des Telefonnetzes.
Verschwunden wie die New York Times sind auch die amerikanischen Rostmuehlen der siebziger, welche als "Trufis" eingesetzt wurden, Sammeltaxis mit einer an der Scheibe angeschriebenen Fahrroute, und durch Toyotas und aehnliches ersetzt worden sind. Damit ist eine Gestankquelle reduziert. Zugegebenermassen faellt diese einzelne Aenderung nicht so ins Gewicht. Die unzaehligen Pollo Broaster, gebratene oder fritierte Huenchen, erfreuen sich einer ungebremsten Beliebtheit und fuellen die Gassen mit einer guten Portion Pommesbudenathmosphaere.
Die einseitige und ungesunde Ernaehrung sei, so erzaehlt Jasmin eine einheimische Aerztin, eines der Hauptprobleme im Gesundheitsbereich Boliviens. Immerhin sind in Bolivien, wie auch in Chile, nun Vollkornbrot und Lightgetraenke erhaeltlich. Die Angebotsdichte dieser Produkte korreliert jedoch noch stark mit der Bevoelkerungsdichte. Auf dem Land bleiben Gedanken an knuspriges, dunkles Brot Wunschtraeume.
La Paz scheint vordergruendig den Spagat zwischen Tradition und Moderne immer noch zu meistern. Leute in farbig leuchtender Tracht leben in Einklang mit den Leuten im Nadelstreifenanzug. Eingekauft wird hauptsaechlich noch am Frischmarkt. Dass dies nicht unbedingt so weiter geht, zeigt sich andeutungsweise in der Zona Sur, der reichen Ecke von La Paz, wo sich Mercedes und BMW gute Nacht sagen. Moderne Supermaerkte bieten das ganze Angebot, was die erste Welt zu bieten hat. Ich vermute, dass mit verbesserter Erschliessung des Landes Einfuhrpreise sinken und es eine Frage der Zeit ist, bis ein Strukturwandel dem charmanten Kleinhandel an die Gurgel geht. Es bleibt zu hoffen, dass ein gleichermassen gesteigerter Export, Bolivien ist reich an Bodenschaetzen, einer breite(re)n Bevoelkerungsschicht zu kommt und sich der "Bettler auf dem goldenen Stuhl" neue Kleider kaufen kann.
Einiges scheint sich immer gleich. So hoeren viele junge Leute die Musik der Gruppe Mana, welche die spanische Rockszene dominiert. Fragt man nach deren Herkunft, behaupten lediglich die Mexikaner zu recht, dass es sich dabei um Landsleute handelt. Gleichfalls seit ewig populaer ist das Kampfsportgenie und Schauspieler Van Damme. Vor acht Jahren war ich als Rucksacktourist mit kleinem Budget in billigen Absteigen und mit einheimischen in lottrigen Bussen unterwegs. In diesen Karren ging nichts ohne Video und kleinem Bildschirm, ein Defekt an diesen Geraeten war gleich zu setzen mit einem Motorschaden und brachte die geballte Wut aller Insassen auf den Fahrer und seinen Gehilfen. Auf diesen Fahrten habe ich sicher alle Filme mit Stallone, Schwarzenegger und Bruce Lee gesehen. Unangefochtener Champion auf der Hitliste war jedoch Van Damme, dessen Filme ich mindestens je dreimal gesehen oder irgendwie mitbekommen habe. Heute reicht das Budget meistens fuer ein Doppelzimmer mit Glotze (geteilt durch zwei Personen ist das oft guenstiger als alleine vor acht Jahren!), und raten sie mal was fuer Filme zur Prime Time gezeigt werden?