Written in Bolivia
09/03/2003 by jazz
Etwas komisch kam es mir schon vor, als Philipp mir mitteilte: "Die Mine ist echt eindruecklich, wirklich! Ein absolutes Muss- aber fuer mich nur einmal!" Tja, er war da vor 8 Jahren schon mal drin und so kam es, dass ich mich ohne ihn der Gruppe anschloss, die am Dienstag, 2.9.03 vor dem Hotel Jerusalem morgens um 9 Uhr abgeholt wurde. Die Gruppe bestand aus 3 Frauen aus Israel, einem Schweizer Paar, einem Canadier und mir, unserer Fuehrerin und ihrem Gehilfen, sowie dem Busfahrer (der natuerlich nicht in die Mine mitkam).
Waehrend der Busfahrt hoch an den Stadtrand, an den Minersmarket, tauschten wir die Namen aus und die Info, wie wer den Weg nach Potosi gefunden hat. Wir fuhren durch den Minersmarket, den Ort, wo die Minenarbeiter (und die Touristen) sich vor dem Minengang verpflegen. Vor einer der Huetten in dieser Strasse hielten wir an und bekamen unsere Ausruestung: Helm, Gummistiefel, -Hosen und -Jacke. Es folgten die ersten Infos von unserer gut english sprechenden Fuehrerin Magdalena: Die Mine von Potosi hat ueber 5000 Einganenge. Abgebaut werden heute nur noch Zink, Silber und Mineralien. Der Berg war urspruenglich mal 5000 Meter hoch; heute noch 4700 Meter. Im Laufe der Jahre ist er immer mal wieder etwas eingefallen. Viele, viele tausende Menschen verloren in der Mine ihr Leben; vor allem wegen der miserablen Arbeitsbedingungen. Heute hat die Mine einen staatlichen und einen privatisierten Teil wo die Arbeiter, im Besitze einer Lizenz, selbstaendig arbeiten koennen. Meist tun sie dies in 3er Gruppen: der Chef, seine rechte Hand und der Gehilfe. Es gibt keine wirkliche Kontrolle, wieviele Arbeiter sich in der Mine mit ihren 13 Stockwerken/Schaechten/Gallerien befinden. Man hat 12 Uhr als Zeitpunkt der Sprengungen angesetzt- einheitlich. Wir werden im 4. Schacht im privatisierten Teil der Mine einsteigen. Doch vorher besichtigen wir die Kirche auf dem Gipfel der Mine und dann werden wir noch Dynamit und andere Geschenke fuer die Minenarbeiter kaufen muessen, damit wir in der Mine sicher sind...
Die Fahrt im Bus hoch auf den Minengipfel entlag der Terassen war schon reichlich Abenteuer- besonders bei Gegenverkehr: eine wacklige und enge Angelegenheit! Die Kirche gefiel mir nicht so sehr, dafuer die Aussicht auf die Stadt Potosi und die Andenlandschaft rundherum.
Magdalena fuehrte uns ein in die Welt der aberglaeubischen Minenarbeiter und deren Rituale. 96% purer Alkohol wird auf die Mutter Erde getroepfelt und dann zu einem deftigen Schluck genossen. Der Becher ging reihum- schmeckte schrecklich! Die Minenarbeiter brauchen Dynamit zum Sprengen. Dynamit ist aber sehr teuer. Wir kauften alle eine Stange, die wir unten den Arbeitern schenken wuerden. Wir kauften auch Zigaretten, damit sie uns den Weg zeigen und Cocablaetter, die alle Minenarbeiter zu Hauf kauen und in der Backe bealten, um Gefuehle wie Hunger, Muedigkeit und Gelenkschmerzen zu unterdruecken. Wir kauften zu den Cocablaettern die Asche einer speziellen Pflanze- diese verstaerkt die Wirkung der Cocablaetter. Der Canadier meinte zurecht, er glaubte eine Mine zu besichtigen- nun sei er ja auf einem Drogentrip! Kann man sich verweigern, den Drogenkonsum der Minenarbeitern zu unterstuetzen? Ich kaufte Dynamit und Zigaretten und einen Stein, den, wenn man ihn mit Wasser mischt,"brennt". Dieser Stein zeigt den Minenarbeitern mit Farbaenderung das Vorhandensein von giftigen Gasen in der Luft an. Frueher schleppten die Arbeiter Canarienvoegel in die Grube: flogen sie wieder raus war die Luft rein, kam keiner der Voegel mehr raus, war dies kein so gutes Zeichen!
Auf 4300 MueM bekamen wir dann einen Gummiguertel mit einer Flasche dran eng um die Taille geschnuert (darin der erwaehnte Stein) mit einem Schlauch hoch an den Helm, wo eine flackernde Flamme mir den Weg leuchtete. Und los ging es in einer Kollone in den Berg. Dunkel, trocken, eng und ruhig. Nach etwa 200 Metern das erste Mal ein dumpfes Haemmern: ein Arbeiter im Schacht unter uns, wir sahen ihn durch eines der Loecher auf unserem Stockwerk, machte Loecher fuer Dynamit. Magdalena bittet unsere Israeli mit einem frechen Laecheln, doch bitte ihr Dynamit diesem Arbeiter zu uebergeben. Wir kriechen weiter, es wird enger, wir krackseln morsche Leitern immer tiefer in die Grube, in den Berg. Wir passieren unzaehlige Verzweigungen. Ich bin total fasziniert von dieser Unterwelt, kein Gefuehl der Platzangst- ehrlich. Nur etwas ausser atmen, auf dieser Hoehe! Und bald stiessen wir wieder auf ein Haemmern: diesmal eine typische 3er Gruppe: Chef, auch am Haemmern, dessen rechte Hand und der Gehilfe (13 Jahre alt: ab 12 Jahren darf in der Mine gearbeitet werden). Alle drei die Wangen voll Cocablaettern. Wir lassen Dynamit und Cocablaetter da und kriechen weiter. Wir passieren noch etwa 4 Arbeitergruppen, wie sie mit einfachsten Werkzeugen (Eisenstangen und Hammer) von Hand auf morschen Leitern den Berg aushoelen! Unvorstellbar! Kinder, Maenner, wie alt moegen sie werden?
Nach etwa 1 Stunde klettern, kriechen und krackseln kommen wir in eine Art Raum mit Altar. Darauf eine steinerne menschenaehnliche Figur mit Hoernern. Wir werden in ein neues Ritual eingeweiht: Die Minenarbeiter zuenden eine Zigi an, geben diese im Kreis herum (so auch wir) und stecken sie dann der Figur, dem Hoelengott, in den Mund. Brennt die Zigi zu Ende: Glueck. Loescht sie: Pech. Und natuerlich wieder etwas Alkohol auf Mutter Erde, an die Hoerner der Figur (anzuenden) und einen kraeftigen Schluck in den Magen!
In diesem Raum erfuhren wir etwas Geschichte zur Mine von Potosi: Zur Colonialzeit versprachen die Spanier den Indios Nahrung, Werkzeug und die Zahlung der kath. Kirchensteuer fuer 6 Monate. Die Indios zahlten mit 6 Monaten Arbeit in der Mine. Leider reichte die Nahrung, das Werkzeug und die Zahlung der kath. Kirchensteuer nur fuer 4 Monate (Zahlung geschah im Voraus) und so begann der Teufelskreis fuer die Indios, die aus dem Schuldenabarbeiten nicht mehr herauskamen. Damals wurde uebrigens vorwiegend Silber abgebaut. Irgendwann streikten die Indios, die Silberproduktion fiel ein, die Spanier holten Afrikaner als Sklaven. Diese starben aber nach wenigen Wochen an Kaelte, Hoehenkrankheit oder eingeschleppten Seuchen. Die noch arbeitenden Idios steckten sich an und es raffte tausende von Menschenleben dahin (ein Indio machte es zu dieser Zeit 5-15 Jahre in der Mine). Es kam die Revolution, die Teilprivatisierung- der Zustand von heute. Wobei der staatliche Teil der Mine in einem besseren (elektronische Hilfsmittel) und sicheren (breitere Schaechte) Zustand ist als der privatisierte Teil. Lediglich die Arbeitszeiten sind gleich: keine 24h Schichten mehr, sondern 8h pro Tag und Person. Heute arbeitet ein Minenarbeiter zwischen 30 und 40 Jahren in der Mine. Und warum arbeiten keine Frauen in der Mine? Unsere Figur, noch immer rauchend, sei verliebt mit der Mutter Erde. Wuerde eine Frau in der Mine arbeiten, wuerde sich die Figur in sie verlieben, die Mutter Erde wuerde eifersuechtig und das waere sehr schlecht fuer die Minenarbeiter.
Der Minengott war noch immer am Rauchen als wir den Raum verliessen. Vom 7. Schacht unten ging es langsam wider hoch. Es war bereits 12.15 Uhr und Magdalena hatte es ploetzlich etwas eilig. Bei einigen Stellen ging sie alleine vor, stoppte das Sprengen und wir passierten die Stelle rassig. Als wir nach fast 2 Stunden wieder ans Tageslicht kamen blendete mich die Sonne, dass mir die Augen brannten und die Luft war so anders...
Auf der Busfahrt zurueck zu unseren Schuhen und Jacken war es ruhiger als auf der Hinfahrt.
Wieder in unseren Kleidern werden wir beim Hotel abgesetzt, nochmals nach Dynamit gefragt- doch keiner von uns hat noch was- alles verschenkt.
Mir hat die Grube, die Hoehle, die Gaenge, das Herumkriechen, das alles hat mir unheimlich gut gefallen- ich wuerde sofort wieder gehen. Doch der Anblick der Arbeiter dort unten, der Kinder, das Wissen um die Geschichte dieser Mine, dieser Menschen, das macht mehr als nur Nachdenklich.