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Nick and I

Written in Laos
12/24/2010 by phil

Manchmal stehe ich auf und sage, ich müsste gehen. Natürlich habe ich keine Termine ausserhalb der Einreisevorschriften eines Landes, aber ganz gelogen ist es auch nicht. Wenn ich mich nicht wohl fühle in der näheren Umgebung einer Person, so kann das schon ein zwingender Grund sein. Ich gehe nicht, weil ich wohin muss, aber weil ich von wo weg möchte. Und dabei spielt Ort und Zeitpunkt, mein eigenes Befinden, eine grosse Rolle, fast mehr als die andere Person selbst. Manchmal möchte ich schlicht meine Ruhe haben, manchmal mag ich nicht zuhören und nicht von mir selbst erzählen. So unterschiedlich die Leute und deren Geschichten sind, das primäre Gesprächsthema ist das Reisen. Woher, wohin, wie lange und oft zu einem späteren Zeitpunkt, wie finanzierst du das, also was machst du zu Hause und wenn es schlimm kommt landet man spät am Abend bei Kindheitsgeschichten. Das Kennenlernen ist ein Prozess, der mit Varianzen in alle Richtungen oft ähnlich verläuft. An manchen Tagen fehlt mir die Musse, durch diesen ganzen Ablauf durch zu gehen und ein oberflächliches chit-chat ist auch nur lustig, so lange es nicht zu lange dauert.

Seit ich nun aber alleine unterwegs bin. Falsch. Seit ich ohne Jazz unterwegs bin, denn alleine bin ich eben nicht oft, lasse ich mich viel mehr auf Begegnungen mit anderen Reisenden ein. Auch auf diesem Gebiet lasse ich mich treiben, nicht selbstreflektiert, wie aus dem Abschnitt oberhalb der Eindruck entstehen könnte. Gerne höre ich zu und der Grund, weshalb mir Leute so viel von sich erzählen ist wohl meine direkte Fragerei, aber mehr mein ehrliches Interesse an den Antworten. Und die Geschichten sauge ich auf wie die Landschaft auf einer Fahrt mit dem Motorrad.

Meistens sammeln sich kleine Gruppen. Im Guest House, in dem man gerade übernachtet oder am Abendmarkt beim Essen, wenn man sich einfach an einen Tisch dazu setzt, an welchem noch ein Stuhl frei ist. Dass ich mit einem orangen Monster mit Schweizer Nummernschild vorfahre, reicht in aller Regel, um ersten Kontakt aufzunehmen. Ohne Motorrad wäre es vielleicht schwieriger, ich weiss nicht. „Aha, du bist jetzt also auch in Laos?“ zu einem wild fremden Mensch ist nicht der ideale Start. „Was machst du jetzt hier in Laos?“ könnte gar als Affront aufgefasst werden. Da ist ein „Bist du aus der Schweiz hierher gefahren?“ viel besser. Ich sage dann „Nein“ und das eine ergibt das nächste.

Viele Reisende sind noch sehr jung. Mit diesen komme ich weniger in Berührung, weil wir eine andere Reise erleben. Auf der einen Seite mehr Nachtleben und mehr Beerlao, auf meiner Seite Hauptsache Ruhe und genug Schlaf. Es sei ihnen gegönnt. Erschreckend viele Aussteiger in meinem Alter, zum ersten Mal in ihrem Leben auf Reisen. Ausgebrannt von einem Karrierejob Mitte dreissig. Zum Beispiel Ferim, der überaus interessante und interessierte Spanier, mit dem ich beinahe zwei Tage ununterbrochen diskutiert habe. Er war es satt, als Leiter des Spanien-Geschäfts eines global tätigen und äusserst erfolgreichen Kommunikations-Beratungs-Unternehmens Befehle in der Art „kündige sofort allen Sub-Contractern und biete eine Weiterarbeit zu 35% tieferen Konditionen an“ vom Hauptsitz entgegenzunehmen. Widersprüche wurden in der Regel mit „Wenn du später auch einmal zwei Ferienhäuser und eine Jacht haben möchtest…“ und ähnlich beantwortet. Oder da war Janine, die unglaublicher weise fünf Kilometer entfernt im nächsten Dorf aufgewachsen war. Chef-Designerin eines weltweiten Marktleaders im Offroad- und Trendsport-Bereich. Täglich arbeitete sie von frühmorgens bis spät in die Nacht. Zwar lebt sie im Bewusstsein, dass rund um die Welt tausende Leute mit ihren Produkten in der Gegend herum laufen und fahren, aber sie konnte sich mit dem geringen Lohn nicht mal eine eigene Wohnung leisten. Für den Bonus in der Höhe von weniger als einem halben Monatslohn musste sie sich auch noch bedanken. Für diese Beträge werden auf einer Bank nicht einmal Bleistifte angespitzt.

Nick war ein Glücksfall für mich. Sein voluminöser Landcruiser gefüllt bis unter die Dachkante mit Vorratsschränken, einem über eine separate Batterie gespeisten Kühlschrank und letzten Endes obendrauf einen riesigen zusammenklappbaren Tisch. Ausschlaggebend war aber nicht der täglich frische Kaffee aus einem italienischen Kaffeekocher oder der Salade Nicoise. Die Aufzählung ist noch lange nicht beendet. Es war das ähnliche Tempo, die ähnliche Erwartung an das Reisen, an das, was man sehen und erleben möchte. Und auch ähnliche Erfahrungen. Er, seit einem Jahr unterwegs, hat zuvor viele Länder meiner ersten Reise besucht. Schön waren aber auch die stillen Momente, an denen wir einfach nur dagesessen und den Sonnenuntergang betrachtet haben. Auch er ist damals nicht aufgebrochen, weil es ihm im Alltag zu viel wurde, sondern weil er sich ganz simpel einfach die Welt anschauen wollte.

Nach einem Jahr auf Achse biegt auch Nick nicht mehr bei jedem Schild ab, auf dem es heisst, am Ende der Strasse gebe es einen Wasserfall zu sehen. Wenn ich in einer Runde sitze und den Erzählungen von „Neureisenden“ lausche, dann breitet sich manchmal schon eine Zufriedenheit aus. Zusammengezählt bin ich seitdem ich erwachsen bin über zwei Jahre mit Rucksack oder Motorrad unterwegs und ich denke mir: „Bursche, du bist ein alter Hase geworden“.

An der Rezeption werden wir gefragt, ob wir ein oder zwei Betten bevorzugen. Ich antworte: „Our relationship is not on this stage yet“, worauf Nick ohne zu zögern: “Phongsaly was not our Brokeback Mountain”. Herrlich!

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Written on the 158th day of trip IV - India/Asia/Australia
12'884 Km on the road


Route in Laos


 
 
 
 
 

Fotos around that time

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Intensive Farben auf dem Loop um Thakhek, Laos
Foto taken between Khoun Kham and Thakhek, Laos.
Dec 2010
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Der berühmte Loop um Thakhek, Laos
Foto taken between Khoun Kham and Thakhek, Laos.
Dec 2010
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Tham Neun Stausee, Laos
Foto taken between Khoun Kham and Thakhek, Laos.
Dec 2010
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Abendstimmung Thakhek, Zentral Laos
Foto taken between Khoun Kham and Thakhek, Laos.
Dec 2010