Über die Schotterpiste in Nordthailand hoch nach Phongsaly habe ich dir bereits berichtet. Auf dem Rückweg passierte ich dieselbe Strecke nochmals. Zuvor dachte ich mir, es war zwar cool und die problemlose Fahrt über die zwischendurch nicht anspruchslose Strecke hat mich Mental aufgebaut, aber den gleichen Weg zurück, das müsste nicht sein. „Dieses Mal nehme ich es ganz gemütlich“, denn nicht so wie bei der Hinfahrt bin ich noch frisch im Sattel und es droht auch kein baldiger Sonnenuntergang, ich habe viel Zeit. Da ich mich über die Jahre schon ein wenig selbst kennen gelernt habe, wechsle ich die Cockpit Anzeige auf die Betriebsstunden und das GPS Gerät stelle ich so ein, dass gross die Empfangsqualität zu sehen ist. Denn „gemütlich“ soll nicht als „schneller als letztmals“ ins Laotische übersetzt werden. Durch die geschlossene Bewölkung waren die Sichtverhältnisse gleichmässig hell, abgesehen von einigen Nebelpassagen auf den höchsten Hügeln.
Mit Beginn der holprigen Piste wechsele ich sofort in stehende Position. Über den Komfort des Sitzbalkens einer EXC kann man sich streiten, ich finde es eigentlich ganz in Ordnung. Aber sobald es holprig wird, glaube mir, da willst du nicht sitzen bleiben. Eng presse ich meine Unterschenkel an die Flanken von Buddhi, lehne den Oberkörper leicht nach vorne, versuche die Knie nicht ganz durchzustrecken um Bodenwellen besser auszugleichen und bei alldem achte ich darauf, im Schulterbereich stets locker zu bleiben um den Lenker nicht zu halten sondern zu steuern. Es geht schnell und ich tauche ein in ein zeitloses Gefühl der Wahrnehmung. Die EXC bügelt alle Unebenheiten, Steine und Schlaglöcher weg, ohne dass ich mir im Bewusstsein überlegen muss, wie ich den kommenden Abschnitt wohl fahren soll. Besonders wenn es bergab geht, fällt mir die Höhe auf, in welcher ich mich über dem Boden befinde. In diesen Momenten komme ich mir vor wie ein Jockey auf einem Rennpferd, der über den Turf jagt. Es sind diese Momente, in denen das Motorrad für mich lebendig wird. (Es ist 8:35 am Morgen und ich bin nüchtern). Nicht im Sinne, dass es in meiner Vorstellung eine Seele bekommt oder ich anfange, mit dem Eisenhaufen zu sprechen. Doch ich höre dem Motor zu, dem Scharren, Abrollen und Schieben der Reifen, folge den Bewegungen der Stossdämpfer, dem leisen klicken beim Gangwechsel. Ich versuche zu spüren, wie es wohl für das Motorrad ist, sich durch die Piste zu wühlen, versuche ihm Freiheit zu geben, möchte mich so leicht wie möglich machen, versuche zu führen, ohne zu zwingen. Alles geht wie von alleine, zu zweit unterwegs. Ein falsch eingelegter Gang oder ein abruptes Bremsen reissen mich zwischendurch für Sekunden au dieser Trance, dem Rausch der Konzentration.
Am Ende einer solchen Strecke, wenn wieder Asphalt kommt, gehe ich vom Gas, setzte mich in den Sattel und rolle ganz langsam über die letzten Meter. Wie ein Sieger fühle ich mich dann, der begleitet von einer geschwungenen, karierten Flagge die Ziellinie passiert. In meiner Vorstellung tätschle ich Buddhis Tank und flüstere ihm zu: „Haste gut gemacht Kleiner“. Philipp bedeutet anscheinend „der Pferdefreund“. Wie viele Pferde genau, das ist nicht spezifiziert. So 50 bis 60 Pferde finde ich ganz Ok.
Vor wenigen Tagen 250 regennasse Strassenkilometer nach Luang Prabang. Die ohnehin qualitativ nicht mit Zentraleuropa vergleichbare Oberfläche, die in Trockenzeit staubbedeckt ist, verwandelt sich in etwas zwischen Schmierseife und Glatteis. Die Strecke führt über einen Pass am anderen, hoch und runter, Kurve um Kurve, wie schon im gesamten Norden von Laos, den ich nun schon seit über zwei Wochen bereise. In drei von vier Kurven bricht entweder Vorder- oder Hinterrad aus, meistens aber beide Räder gleichzeitig. Zentimeter nur, oder sind es gar nur Millimeter, über die mir Buddhi berichtet? Die 530exc wird unter keinen Bedingungen schwammig, in jedem Moment bekomme ich als Fahrer exaktes Feedback und sie lässt sich mit höchster Präzision lenken. Nach 200 Kilometer nervt es dann schon langsam, aber es gab über die ganze Fahrt keinen Moment der Angst, die Kontrolle zu verlieren. Es ist mehr die stundenlange maximale Konzentration, welche ermüdend wirkt.
Ich brauche das alles nicht zu schreiben, ich bin gegenüber KTM oder meinem Händler keinerlei Verpflichtungen eingegangen. Würde mir etwas nicht passen, so würde es hier stehen. Vielleicht sind meine Ansprüche mit dem Alter gesunken, glaube ich zwar nicht. Doch die KTM EXC ist das beste Reisemotorrad, welches ich je gefahren bin. KTM beherrscht die Vermarktung des Sieger-Images in Perfektion, das mag verstärkend wirken auf meine riesige Freude am Fahre und auch stärkend, was das Selbstwertgefühl betrifft. Solange der Mix aus reiner Power und purer Emotion wirkt wie ein geschüttelter und nicht gerührter Martini, ist es mir so etwas von egal, weshalb genau ich mich grossartig fühle, dieses Motorrad zu fahren.
---
Written on the 148th day of trip IV - India/Asia/Australia
11'971 Km on the road