Hallo Emil, Patrick und Marcel.
Heute wärt ihr sicher Stolz auf mich gewesen, denn heute habe ich die KTM Fahne in Laos gehisst. Der Honda- Fahrer schaut auf meine 530exc und meinte: „Du kannst das in drei Stunden machen“. Auf drei Stunden hatte ich aber überhaupt keine Lust, da ich schon über drei Stunden gefahren bin und von den vielen Lastwagen und Bussen, welche ich auf den Schotterabschnitten gekreuzt und überholt habe schon mächtig eingestaubt wurde. Zum anderen drohte das Licht auszugehen, die Sonne verschwand immer öfter im Schatten des nächsten Hügels. Da stand ich also am Ende des Asphalts, vor mir 110 Kilometer Schotterpiste, 30 davon „ziemlich schlecht“. Immerhin, nur wenige Leute verirren sich hier oben in Laos, also sicher weniger Staub. Wenigstens vor mir. Was dann kam hat einfach nur noch Spass gemacht. Der Weg führte über hunderte Kurven um und über bewaldete Hügel. Ein kleiner Pass am nächsten, durch kleine Bergdörfer und entlang an Flüssen und Bächen. Weitgehend war es sehr steinig, manchmal übersäht mit groben Brocken wie in einem Bachbett, die Kurven oft ausgewaschen mit tiefem Staub. Selten war der Streckenverlauf länger als 150 Meter gerade aus und eigentlich ging es immer hinauf oder hinunter. Und die EXC ist gelaufen, ein Traum. Schlichtweg alles steckt das Fahrwerk weg, das Gepäck – ich habe nicht mehr viel dabei, vielleicht etwa 15 Kilo – so gut wie nicht bemerkbar. Zweimal ist in einer Kurve Heck und Vorderrad gleichzeitig ausgebrochen, für diese Bedingungen halt auch nicht die richtigen Reifen. Eigentlich war ich schon so schräg, dass ich beides Mal glaubte, das war es jetzt. Doch sobald wieder irgendwie Haftung da war ging es zack zurück auf die Spur, kein Verwinden, kein aufwiegeln oder Schaukeln. Als ich nach etwa zwei Stunden am Ziel war habe ich nur in mich hinein gegrinst und mir gedacht, nicht nur die Wüste ist Orange, jetzt hat auch der Dschungel eine andere Farbe. Und ich muss das Lob wirklich weitergeben an die EXC. Denn ich fahre ja nicht auf einmal besser als vorher, das Motorrad ist einfach besser. Unstoppable.
Hallo Robin, Jael, Severin, Sky, Til, Amadea und Gian-Luca
Jetzt bin ich in einem Land, das ist noch weiter weg von zu Hause. So wie unser Land, hat auch dieses Land keinen Strand am Meer, sondern nur andere Länder um sich herum. Und es hat auch wie da wo wir wohnen ganz viele Berge. Die Berge hier sind aber nicht so hoch, dafür sind alle von Tal bis zur Spitze mit Wald bewachsen. Heute bin ich auf einer Strasse gefahren, die war nicht einmal mehr geteert, also nicht so schön flach. Mehr so wie ein Bach, einfach ohne Wasser, also ganz viele Steine. Manchmal ist das Fahren auf diesen Strassen ganz schwierig mit dem Motorrad. Denn ich muss immer aufpassen, dass ich nicht umfalle. Und wenn ich am Abend fertig bin mit herum fahren, dann bin ich ganz glücklich, dass ich nicht umgefallen bin. Dieses Gefühl ist schön und es ist ein Grund, warum ich überhaupt so mit dem Motorrad weg gehe. Die Kinder können auf diesen Strassen nicht mit Rollschuhen oder einem Rollbrett fahren. Mit den kleinen Rädern geht das nicht gut. Und sowieso geht es immer ganz steil hinauf oder ganz steil hinunter. Aber Kinder hat es natürlich schon. Sogar ganz viele! Und sie sitzen dann nicht einfach traurig da, sondern sie spielen andere Sachen. Die Kinder wohnen mit ihren Eltern in kleinen Häuschen aus Holz. Diese Häuschen stehen auf Stelzen, so dass man nur mit einer Leiter oder über eine Treppe ins Haus kommt. Weil aber die Häuser nicht so gross sind, sind die Menschen meistens draussen, so lange es hell ist. Die Erwachsenen sind fast alle Bauern und machen Reis und die Kinder spielen mit alten Reifen oder machen ein Spiel mit Steinen. Dabei werfen sie mit kleinen Steinen zu einem grossen Stein. Wer seinen kleinen Stein am nächsten am grossen Stein liegen hat, gewinnt. Und wenn alle immer den Stein treffen, gehen sie einfach ein paar Schritte weiter weg vom Stein, dann wird es schwieriger und nicht mehr alle treffen den Stein. Durch die Dörfer fahre ich immer ganz langsam, weil dann hat es auf der Strasse ganz viele Hühner und Enten, kleine Schweine, Hunde und manchmal grosse Büffel. Die sehen fast aus wie Kühe, einfach sind alle schwarz und haben komische Hörnern. Vor allem die Hühner erschrecken manchmal furchtbar fest, wenn ich mit meinem orangen Motorrad durch das Dorf fahre. Und wenn sie sich so erschrecken, rennen sie einfach über die Strasse, so dass ich fest bremsen muss, um kein Huhn zu überfahren. Wenn ich in einem Dorf halte, dann gucken mich die Leute am Anfang komisch an und ich gucke sie komisch an. Weil die sehen schon anders aus als die Leute bei uns. Und weil das Land ja so weit weg ist, gehen nicht viele wie ich zu ihnen. Also finden sie mich schon etwas seltsam. Und weil es für sie ja gleich weit weg ist zu uns zu kommen, kommen auch nicht viele von ihnen zu uns. Und darum stehen wir so da und gucken uns an. Meistens tue ich dann lächeln, damit sie wissen, dass ich nett bin und ihnen nichts wegnehme. Dann lächeln sie auch und ich weiss dann, dass sie auch nett sind und sie mir nichts wegnehmen. Denn reden kann ich nicht mit ihnen. Wenn ich rede, verstehen sie kein Wort und wenn sie reden, dann verstehe ich kein Wort! Das ist manchmal ganz lustig, wenn ich etwas kaufen will oder irgendwo schlafen möchte. Manchmal mache ich Zeichen mit den Händen und manchmal zeichne ich etwas mit einem Stift auf ein Stück Papier. Ich zeichne dann zum Beispiel eine Flasche und dann wissen sie, dass ich Wasser kaufen möchte. Und bis jetzt hat das immer funktioniert, ich habe bis jetzt noch nie draussen übernachten müssen. Weil ich wissen möchte, wo die Menschen überall wohnen und wie sie dort aussehen und wie sie dort sprechen und wie sie dort aussehen, darum fahre ich auch so gerne mit dem Motorrad herum. Jetzt kommt ja dann schon bald Weihnachten, dann hast Du Geburtstag, dann wird es wieder viel länger hell und ganz heiss. Und dann komme ich schon wieder zurück! Wir schlecken dann ein Glace und ich erzähle die Geschichte von den Gummibäumen und dem Elefant auf der Strasse. Ich freue mich jetzt schon ganz fest!
Liebe Jazz
Der Grenzübertritt von Chiang Khong in Thailand nach Houai Xay verlief problemlos. Da der Parkplatz vom Custom Gelände an einem ganz anderen Ort ist als dann das Büro, hat sich niemand um das Fahrzeug gekümmert. Carnet abstempeln und gut ist. Die ersten 200 Kilometer nach Luang Nam Tha sind tatsächlich praktisch durchgehend asphaltiert. Die Landschaft ist hügelig, viele Gummibaum- und Kaffeeplantagen. Produktionsanlagen und Minen sind gänzlich nur in chinesischer Schrift angeschrieben. Im Ort dann so was wie eine Flut an Rucksacktouristen. Der dreijährige Reiseführer ist von der Gegenwart schon überholt, Guest Houses scheinen wie Pilze aus dem Boden zu schiessen. Trotzdem darf man keinen übertriebenen Komfort erwarten, im Vergleich zu Thailand oder Malaysia ist der Standard bedeutend tiefer, eine warme Dusche schon das obere Ende des Angebots. Seit dem Grenzübertritt bin ich mit einem französischen Amerikaner zusammen, der mit seinem Geländewagen seit einem Jahr in der Welt umher tingelt (
transworldexpedition.com). Auch ihm ist das Touristen-Einheimische Verhältnis etwas zu hoch und wir beschliessen in den angeblich selten besuchten Norden zu fahren. Erst ging es zwei Stunden über teils asphaltierte, teils geschobene Piste weiter bis zu einer Verzweigung in Oudom Xay. Weihnachtliche Gefühle kamen auf, da ich aufgrund des vielen Verkehrs und der unglaublich staubigen Schotterabschnitte schon aussah wie der Weihnachtsmann. Aber die ersten Schotterkilometer haben Spass gemacht, die Strasse war eigentlich in gutem Zustand. Die zahlreichen Touristen, welche sich mit dem Mountainbike über die Pässe quälen tun ihrer Lunge aber bestimmt keinen Gefallen. Wenn ich ein Fahrzeug kreuzen musste, habe ich immer vorher etwas Gas gegeben, um die Klappe dicht zu machen im Moment, in dem ich komplett für Sekunden in der dicken Staubwolke eintauche, damit die KTM nicht auch noch gross Luft ansaugt. Wenn ich überholte, und weil die Busse und Lastwagen sehr langsam fahren, war das halt dann schon öfters der Fall, gab es öfters diese eklige Situation, dass Du in der Staubwolke drin fahren musst, um irgendwann den Moment zu erwischen, in welchem du genug Sicht und Strecke hast, am Fahrzeug vorbei zu ziehen. In Oudom Xay geht die Hauptstrasse weiter die irgendwann in die Hauptstadt führt. Da sind wir links abgebogen um nochmals eine Stunde auf Asphalt, ein wunderbarer Weg durch grüne Täler und kleine Dörfer, schmale gewundene Strasse mit wenig Verkehr, bis zu einem Dorf mit einer Brücke zu fahren. Da er mit seinem grossen Wagen einiges gemütlicher Unterwegs ist in den zahlreichen Kurven, habe ich immer wieder ausreichend Zeit, Pause zu machen. Nachdem ich also in diesem Dorf Wasser gekauft habe und meine letzten zwei Scheiben dunkles Brot gegessen habe, geht gleich nach der Brücke eine Gravel-Road links ab und vor dir liegen 110 Kilometer Schotterpiste. Mit der EXC hat mich diese Strasse richtig beflügelt, es war einfach nur genial, wie sich dieses Teil über die Steine jagen lässt und in jeder Situation federleicht steuern lässt. Die Strecke selbst war nicht einmal zu unterschätzen. Eine Kurve an der nächsten, immer mal wieder steile Passagen und vor allem übersäht mit dicken Steinen, ich glaube früher war es stellenweise ein gepflasterter Weg. Am ehesten kann man die Piste vergleichen mit Etappen in den Anden Boliviens, etwa die hoch nach Sucre. Oder das Matmata Gebirge in Tunesien oder vielleicht, als würde man ohne Unterbruch die Blue Nile Gorge hinauf und hinunter fahren. Trotz der langen Fahrzeit war die Konzentration natürlich nochmals besonders hoch. Was aber sicher einfacher war als beispielsweise in der Mongolei war die Navigation. Es gab keinen Moment, in dem man unsicher sein musste, noch auf dem richtigen Weg zu sein, da es nur diesen einen breiten Weg gibt. Alles andere sind schmale Pfade die hinzukommen oder wegführen. Aber ab dem Moment in dem der Asphalt aufhört taucht man schon ein in eine andere Welt. Die kleinen Dörfer die sich alle paar Kilometer links und rechts der Strasse entlang gruppieren bestehen gänzlich aus kleinen Holzhütten auf Stelzen mit Stroh- oder Wellblechdach. Unglaublich viele Kinder draussen vor den Hütten, die jüngeren öfters auch nackt. Immer wieder winken sie mir zu, wenn ich an ihnen vorbei fahre. Die Eltern Bauern, welche auf den Reisfeldern arbeiten. In diese kleinen Dörfer ist das Moderne Leben noch nicht angekommen, viele dürften nicht einmal über Strom verfügen. Übernachtet haben wir kurz vor dem Ende der Schotterpiste in einem etwas grösseren Ort an einem Fluss. Mit Hilfe zweier kleiner Staudämme aus Holz wird Strom für das Dorf produziert, so wenig allerdings, dass nach Einbruch der Dunkelheit der Sternenhimmel leuchtet wie ich das seit der Mongolei nicht mehr gesehen habe, wunderschön. Manchmal halte ich auch einfach an in einem solchen Dorf und steige ab. Die ersten Minuten muss man dann einfach über sich ergehen lassen, lächeln und ich sage dann immer wieder freundlich „sawaji dii“, also „Guten Tag“. Man wird nie bedrängt, es wird immer eine angenehme Distanz eingehalten und alles anfassen wollen sie auch nicht. Nach wenigen Minuten ist man nicht mehr interessant und ich gucke dann einfach dem Treiben zu, ohne gross beachtet zu werden. Einige Jungs schrauben an einem Moped herum, rauchen Opium. Traditionell gekleidete Frauen schnattern und warten auf den nächsten durchfahrenden Bus, um dessen Passagiere von Gemüse bis Kunsthandwerk in Form von kleinen Ketten anzubieten.
Die Versorgungslage ist nicht einfach. Geschlafen haben wir auf zwei am Boden liegenden Matratzen, Plumpsklo, kein fliessend Wasser. Trinkwasser aber ist überall ausreichend in Flaschen vorhanden, sagen wir, sobald es auch Steinhäuser und Mobilfunkmasten hat. In der Regel hat es an diesen Orten auch mindestens ein Laden mit einem Kühlschrank. Süssgetränke und Chips in allen Varianten sowie Fertig-Nudelgerichte und natürlich kübelweise Bier und Zigaretten. Aber sonst? Schwierig. Brot gibt es überhaupt keines. Etwas weniges an Gemüse und kleine Früchte wie diese leckeren Mini-Mandarinen die wir schon in Südthailand hatten. Aber die Auswahl ist sehr spärlich, nicht einmal Nüsse habe ich bis jetzt gefunden. So als Verpflegung unterwegs kann ich auf süsse Cracker zurückgreifen, für Dich wäre es hier aber schwierig geworden ohne kochen. In den Restaurants wird Kombiniert, Nudeln, Reis, Gemüse (das grüne Lattichzeugs oder was es ist), Schwein, Huhn, Tofu, manchmal Fisch. Aber es ist auch in diesem Bereich zu Vergleichen mit der Mongolei. Es gibt so wenig zu kaufen, dass man echt überaus dankbar ist, dass es überhaupt etwas Warmes zu essen gibt. Aber Hand aufs Herz und ohne Pathos, fein ist es nicht besonders. Nicht im Vergleich zu Thailand oder Malaysia. Es ist wirklich das Erlebnis, das Bewusstsein, dass man es an diese Ecke der Welt geschafft hat, dass einem nicht der Gedanke kommt, eigentlich ist es zu teuer. Aber dann ist da ja noch Nicolas, der Franzose. Der hat seine Karre gefüllt bis unter die Decke, mit Kühlschrank und grossen Schubladen voller Esswaren. Dann stellt er direkt vor dem Hotel seinen grossen Tisch auf, richtet den Benzinkocher ein und braut uns einen italienischen Kaffee, serviert mit dunklem Toastbrot und Butter… Hier oben ist eine Sackgasse. Morgen fahren wir zurück in wieder mehr besiedelte Gebiete, wonach sich unsere Wege trennen werden. Und in einigen Tagen fahre ich in eine Stadt, über welche im Reiseführer sogar ein Abschnitt „Bäckereien“ geschrieben steht!