Samstag, wir wollten eigentlich während 2 Tagen die nahe Umgebung von KL mit dem Motorrad erkunden und dann am Montag wieder hierhin zurückkehren um unsere Pässe vom thailändischen Konsulat ab zu holen, wenn es klappt mit dem Visum drin. Aber bei Regen zusammen packen und losfahren? Nein! Wir schliefen bis gut 9 Uhr weiter und assen dann gemütlich Frühstück (ich fand hier Gluten freies Müsli). Phil ging online und ich schrieb einen Bericht in mein Notizheft. Gegen 11 Uhr klärte sich der Himmel auf und wir entschieden, einfach ohne Gepäck eine Hausrunde zu drehen. Auf der Karte entdeckten wir etwa 40 Kilometer von KL entfernt eine Stern: GENTING HIGHLANDS. Klar, da wollten wir doch schon immer mal hin! Im Internet guckten wir bei goVfr.com, wie wir am besten aus dieser Mio. Stadt heraus fahren, setzten Punkte in die Onlinekarte und luden dann das Ganze rüber aufs GPS. Es kann losgehen! Erst fahren wir durch zwei oder drei Quartierstrassen, dann eine grosse Kreuzung und schwupp auf die erste Autobahn. Links präsentiert sich uns die Skyline von Kuala Lumpur City mit dem Fernsehturm, den Petronas Towers und anderen Hochbauten mehr. Etwa dreimal müssen wir die Autobahn wechseln, dann kommen wir langsam raus aus der Stadt und rein in die Highlands. Nach einer guten Stunde Fahrt auf den meist dreispurigen, superausgebauten Schnellstrassen mit Zahlstellen (Motorräder sind gratis und dürfen auf spezieller Spur ganz links aussen- Linksverkehr!- vorbeihuschen), kommt die braun beschilderte Ausfahrt „Genting Highlands“. Gerade bei der Ausfahrt hat es Tankstellen und Fastfood Shops wie McDonalds. Wir halten an der Tanke an um etwas zu trinken.
Jetzt erst fällt es mir so richtig auf: wir sind nicht die einzigen, die unterwegs sind! Was ich sah kann durchaus mit dem regen Treiben am Wochenende an der Autobahnraststätte Heidiland in der Schweiz verglichen werden. Die zehn Zapfsäulen der Tankstelle, ob Diesel, 95er oder 97er Benzin, sind alle besetzt. Im Shop tummeln sich vollgetankte, hungrige und durstige und alle diejenigen, die für das perfekte Picknick noch ihre Lieblingschips brauchen. Dort, wo die Frauen in der Reihe stehen, dürften die Toiletten sein, und auf dem Parkplatz stehen Busse, Pickups, getunte und nicht getunte PWs und Motorräder- viele Motorräder! Streetfighter, Strassenmaschienen und Chopper. Und mit unseren gesellen sich noch zwei Crossmodelle hinzu. Da wir mitten in einer Choppergruppe parkten, kamen wir schnell ins Gespräch. Die Malaysier sprechen meist sehr gut Englisch. Von wo seid ihr? Wie habt ihr eure Motorräder hierhin gebracht (unsere Nummernschilder werden schnell als Schweizerisch entlarvt)? Und was habt ihr noch so vor? Wow, Weltreise! Und heute? Aha, die Highlands. Ja, da wollen wir auch alle hin. Ein Kumpel heiratet!
Mit immer mehr der Jungs klatschen wir die Hände ab und bald ist klar, dass wir ebenfalls zur Hochzeit fahren- schwuppdiwupp eingelanden! Nach etwa einer halben Stunde Kenenlerngespräch an der Tanke geht es los: eine Chopper-Karawane von etwa 12 Fahrzeugen und wir. Alle in Lederklamotten und wir im Crosskostüm!
Wie ich das liebe: eine Gruppe, unterwegs mit einem gemeinsamen Ziel. Wie wir uns dann so in einer recht beachtlichen Kolonne die nächsten 15 Kilometer den Hügel hoch schlängeln, eine Maschine lauter als die andere, wird es mir warm ums Herz; ein Zusammengehörigkeitsgefühl macht sich breit und tut gut!
In einer Nische auf einer Anhöhe parken wir. Uns wird gesagt, dass wir hier auf das Brautpaar warten. Die Zeit vergeht schnell mit Gruppenfotos machen und Zigaretten rauchen; natürlich nur die Chopper-Rocker, und schon stehen die wunderschön in Gold gekleideten Brautleute vor uns. Wir werden als Sondergäste aus der Schweiz vorgestellt und herzlich begrüsst. Nach einem weiteren Gruppenbild, diesmal mit Brautpaar, nehmen wir alle wieder Formation an: Zuvorderst der Pickup mit dem Fotografen auf der Ladefläche. Dann die Bikes in Zweierkolonne und Schritttempo. Braut und Bräutigam nehmen auf den ersten Chopper als Sozius Platz. So fahren wir von der Strasse ab etwa 600 Meter in eine Art Camping Anlage rein. Dort wimmelt es von parkierten Autos, noch mehr Töffs und vielen Hochzeitsgästen! Das Brautpaar steigt ab und wird mit Reis beworfen, der Pickup biegt links ein und wir Motorräder folgen jetzt wirklich im Schritttempo dem Brautpaar und den voraus schreitenden Trommlern ins Festgelände rein bis quasi vor den Altar (es hatte natürlich keine Altar, war ja eine klassische Malay-Hochzeit). Links und rechts und überhaupt rund um uns herum hatte es lauter fröhliche, schön gekleidete Hochzeitsgäste. Als der Chopper-Anführer seinen Arm hob, machten wir alle die Motoren aus und parkierten, wo wir gerade standen. An ein Vor oder Zurück war eh nicht zu denken. Regnete es wieder? Nein, es ist der Schweiss, der mir hier in dieser Tropenhitze (30 Grad plus), bei blauem Himmel und inmitten dieser Menschen- und Motorenhitze aus allen Ritzen und Poren tropft. Wunderbar, wie Mann sich sofort um uns kümmerte. An der Hand werden wir zum Hochzeitspaar geführt. Diese sassen unterdessen auf Stühlen, umgeben von ihren Familien und vor ihnen wurden Martial-Art-Tänze vollführt. Etwa fünf Minuten durften wir dieser eindrücklichen Kampfsport-Tanz Art zusehen und schon werden wir weiter geführt: Essen! Etwa drei bis fünf Zelte waren aufgestellt und unter einem war das Buffet. Irgendwann hatte ich plötzlich Teller und Besteck in den Händen und Minuten später ass ich am Fluss vorne auf einem Gartenstuhl sitzend ein wunderbares Reis/Fleischgericht. Die Menschen lächelten und nickten uns stetig zu, freundlich und fröhlich. Und wir sassen einfach da, schwitzend, essend und vor allem überwältigt. Eben noch an der Tanke und schwupp an einer Malay-Hochzeit; mittendrin!
Kaum waren die Teller leer gegessen, zuckte es die Biker Gruppe wieder im Handgelenk und mit minimalsten Handzeichen wurden alle über den Festplatz verteilten Karawanenfahrer informiert, sich zur Abfahrt bereit zu machen. Alle, auch wir, bekamen ein Geschenk zum Abschied (eine herzige Papiertüte mit leckeren Süssigkeiten) und eh ich mich versah, fuhr ich schon wieder Motorradformation, diesmal einfach in die andere Richtung.
Zusammen mit drei anderen der Gruppe seilten wir uns nach wenigen Kurven vom Rest der Kumpels ab, um noch ganz hoch nach Genting Highlands zu fahren.
Und jetzt würde dieser Bericht schlichtweg zu lange werden, wenn ich noch im Detail ausführen würde, dass auf den 1700MüM liegenden Pass eine dreispurige fahrtrichtungsgetrennte Schnellstrasse führt und dass oben auf dem Gipfel eine Hotel/Casino/Themeparkarena hin gepflastert ist, da würde der Europapark Rust neidisch werden! Und auch vom netten Schwatz bei einer Starbucks Schokolade mit Sahne über Politik, Motorräder, Reisen und das Leben als solches mit unseren drei Rockerkumpels schreibe ich jetzt nicht.
Und als es regnete auf unserer Fahrt runter und rein nach Kuala Lumpur City, so war das nicht etwa trist (und auch nicht ganz unspektakulär), sondern eine willkommene Abkühlung nach einem rundum heissen Tag!
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Written on the 104th day of trip IV - India/Asia/Australia
5'300 Km on the road