Gerade in der IT Branche wird Indien als Macht wahrgenommen. Ganze Stockwerke dezentraler Gebäude Schweizer Grossbanken seien gefüllt mit Indern, hörte ich mehr als einmal und nicht selten mit sorgenvollem O-Ton munkeln. Ob es stimmt weiss ich nicht. Aber umso überraschter bin ich nun, dass ich sehe, dass Europa und die Schweiz im speziellen in der öffentlichen Wahrnehmung in Indien so gut wie keine Rolle spielen. Die USA ein klein wenig mehr, am ehesten noch durch Baseball, was am TV gezeigt wird, wenn gerade kein Kricket Spiel läuft. Hauptsächlich dienen die USA aber als Feindbild, wenn es darum geht, den Ursachen der Weltprobleme auf den Grund zu gehen. Dass dem wirklich so ist, ist nun gemäss Zeitungsbericht nun auch durch eine Russisch-Indische Forschergruppe wissenschaftlich bestätigt. Es war aber nur ein kleiner Bericht, keine Angst.
Zur grossen Mehrheit beschäftigt sich Indien mit sich selbst. Das ist für eine Grossmacht mit so vielen Einwohnern durchaus nicht ungewöhnlich. Nicht selten hatten Leute in den USA die Schweiz als eine Stadt an der anderen Küste vermutet. Des Weiteren sieht sich Indien im Wettkampf mit China, was bildlich als der Kampf zwischen Elefant und Drachen dargestellt wird. Die sind ja schon derartig aufeinander eingeschossen, dass zwischen den beiden Ländern und wieder einmal in der Geschichte der Menschheit, ein Wettrennen um die Mondfahrt los gebrochen ist. Nimmt man Musikvideos und Werbung als Pulsnehmer und Meinungsmacher, so liegt der Fokus auf den arabischen Megastädten wie Dubai. Da ist es trendy und cool, da geht man hin, wenn man in sein möchte. Ferien, Vergnügen und eins vor allem: Zum Arbeiten. Grossbritannien und andere Länder des Westens verlieren zunehmend an Attraktivität - durch immer härtere Einreisebestimmungen und immer grösser werdende Perspektiven auf dem Heimmarkt.
Ganz allgemein darf man sagen, dass das Verhältnis zum Westen natürlich schon vorbelastet ist durch die Kolonialzeit. Die Konkurrenz zu China aber habe ich nun eher als Wettkampf und nicht als Kampf gegeneinander wahrgenommen. Im Gegensatz natürlich der Nachbarstaat Pakistan, der offensichtlich angefeindet wird. Ich habe da sicher vieles nicht verstanden, aber irgendwie finde ich es nicht ganz ohne Ironie, dass Indien, ein Staat den es so in einer Einheit vor der Kolonialisierung gar nicht gab, nun doch gerne die Grenzen der gehassten Kolonialherren übernommen hätte. Ebenso ironisch, sorry, jetzt kommt gerade ein riesiger Gedankensprung weg von Ländergeschichte und Politik, finde ich die Tatsache, dass Südindien auffallend oft von Frauen in kleinen Gruppen oder alleine bereist wird. Ich wundere mich sehr, dass dem so ist. Ok, das Land macht einen sicheren Eindruck, als Frau wird man nicht an jeder Ecke angepöbelt sondern still bewundert. Und natürlich ist es exotisch anders. Aber das ist der nordafrikanische Raum genauso. Unglaublich vielfältig, bunt, lebendig, orientalisch anders, die Leute sind hoch anständig, wenn auch vom Charakter impulsiver. Keine Zeitverschiebung und mit Sicherheit viel sauberer als Indien. Da wie dort gibt es bei Schaltern Geschlechter getrennte Warteschlangen. Aber sagen sie mal einer Frau, sie soll alleine in den arabischen Raum. Da kann man sich mehrstündige Vorträge über die Emanzipation der Frau und Menschenrechte anhören, glaubst du gar nicht, ist mir aber schon öfters passiert. Da kommen natürlich die ganzen Klischees von wegen Bombengürtel und so weiter. Dieses Image hat Indien nicht. Ich möchte den Umgang mit Frauen in muslimischen Ländern, so wie ich diese kennen gelernt habe nicht beschönigen, verteidigen oder rechtfertigen. Nicht mit einer Silbe. Gleichberechtigung ist für mich nicht notwendiges Übel, fernes Ziel, sondern Voraussetzung einer Beziehung. Enjoy. Wer nur wenige Tage (Süd-) Indien bereist hat, kommt nicht darum herum zu merken, dass Frauen vom öffentlichen Leben weitgehend ausgeschlossen sind. Und wenn das der Grund ist, dem arabischen Raum fern zu bleiben, warum nicht auch Indien? Fast in keinem anderen Land auf diesem Planeten sterben noch dermassen viele Frauen bei der Geburt ihres Kindes wie in Indien. Auch ich hatte mir zuvor nie gross Gedanken über dieses Thema gemacht. Das sind doch alles Hinduisten, also liebe Kerle. Essen keine Tiere, können doch gar nicht böse sein. Alles so Gandhis, total friedlich. Erstens haben die Hindus Gandhi schon früh aus ihrer Gemeinschaft geworfen, zu wenig konform und schmücken sich jetzt aber gerne wieder mit seinem Namen. Zweitens widerspreche ich Gandhis Begründung, weshalb das weibliche das stärkere und bessere Geschlecht sei, da „sie alles stillschweigend ertragen“, was er stark mit seiner Leere des friedlichen Protestes verknüpft. Der grosse Unterschied ist nun aber schon, dass er selbst nicht nur Repressalien ertragen hat, sondern gleichzeitig mit dem Aufruf nach friedlichem Widerstand klare Ziele verfolgte. Einfach nur ertragen hätte er nicht. Nur ertragen ist doof. Diese seine Meinung über das weibliche Geschlecht dürfte man durchaus verstärkt in den Kontext seiner Zeit stellen und man muss sich fragen, für was würde Gandhi in einem Indien von Heute kämpfen? Drittens, werden im alltäglichen Umgang in Europa Muslime schnell als „extrem“ oder „fanatisch“ bezeichnet, was immer das auch bedeuten mag, so stehen dem die Hinduisten keinen Millimeter nach. Da soundet der Lautsprecherturm morgens um vier Uhr für satte zwei Stunden, den ganzen Tag immer mal wieder und das letzte Gebet ist zu einer Zeit, wo der Imam beim Tee vor dem schlafen gehen sitzt. In einem früheren Text habe ich geschrieben, dass ihr euch Indien selber anschauen sollt. An dieser Stelle möchte ich nur sagen, schaut euch auch den nordafrikanischen und arabischen Raum mal genauer an, es lohnt sich.
Und fast hätte ich den vergessen! Im Gandhi Museum lerne ich über die Entstehungsgeschichte Indiens. Während der Kolonialzeit „wurde von den Bauern so hohe Abgaben [von der herrschenden Gesellschaft] verlangt, dass sogar sie selbst an Hunger starben“. Während der Palastbesichtigung in Mysore bestaunte ich den unglaublich Prunkvollen Bau, die unzähligen gegossenen, geschnitzten, gehauenen Kunstwerke. Die schönsten Schatztruhen, welche ich je gesehen habe. Teilweise Spenden und Gaben von Dörfern, um darin dem Königshaus Bitten zu überbringen. Über oben erwähnte Zeit mit dem verhungern, lerne ich „die Wodeyars [die lokalen Herrscher und Kollaborateure mit den Engländern] waren stets grosse Förderer der Kunst“. Ist das nun auch noch ironisch, oder schon pervers, wenn Machthaber ihr eigenes Volk aus purer Gier, aus vermutlicher Langeweile und aus nicht-mehr-wissen-wie-blöd, verrecken lassen? Und wenn ein Wunsch, dann bitteschön in einem verzierten Schrein? Ach übrigens. Es gibt heute noch Nachfahren der Wodeyars, die zeitweise heute noch in Teilen des Palastes leben. An unserem Besuchstag zwar nicht in der Stadt, die drei Audi A8 Limousinen aber bereit zum Einsatz auf dem Hinterhof. (Es sollten die einzigen Audis überhaupt in zwölf Wochen Südindien bleiben.)
Zugegeben, das war jetzt ein langer Abstecher. Wir waren bei Kolonialisierung und Blick auf die Welt und so. In den Zeitungen und den CNN- Klonen am TV wird der inländische Börsenindex SENSEX verfolgt, daneben knapp noch Singapur, Hongkong und schon fast selten der NASDAQ. Neben Kricket sind Landhockey, Badminton, Tennis beliebt. Über Fussball tauchen sporadisch Berichte aus der Premier League auf. Wobei, und das fand ich faszinierend, nicht nur da, sondern überall, sogar auch bei ihrem geliebten Kricket, Tabellen komplett fehlen. Noch nie habe ich eine Tabelle eines Spieltages oder des Saisonstandes gesehen. Jedes Spiel ist mehr so ein Einzelereignis für sich.
Nicht zuletzt hat mich ein Sportbeitrag in meinem Gefühl bestärkt, dass wir Westler irgendwie willkommen sind, wie man halt einen willkommen heisst, von dem man annimmt (und relativ gesehen stimmt es auch) dass er unglaublich reich ist, ansonsten aber auch gerne verzichten könnte. Lakonisch meint ein Kommentator in einem Beitrag über Selektionskriterien in ein Kricketteam „heutzutage scheinen blaue Augen auszureichen“. Das ist natürlich ganz dezent. Aber blaue Augen gibt es hier ursprünglich nicht. Oder da gibt es diese staatliche Werbung zur Internetkriminalität. Das Opfer eine grauhaarige, alte, offensichtlich indische Person. Am anderen Ende der Leitung der Täter, eindeutig als Westler dargestellt. Oder die andere Werbung für einen Reisekoffer. Da klaut ein Kleinwüchsiger einem ahnungslosen indischen Reisenden eben diesen tollen, kleinen, roten Koffer. Der Dieb kommt natürlich nicht durch und am Ende in fetter Schrift über den ganzen Bildschirm „survive Istanbul, survive the world“. Hehe, Die Türkei ist gar nicht so weit im Osten. Oder da gibt es diese Plakatserie einer Privatklinik für künstliche Befruchtung. „Potenzprobleme“ steht FFEETTTT als Überschrift. Darunter eine hübsche indische Frau mit einem hübschen, natürlich kaukasischen Mann. Da gibt es die erwähnte Bande mit Russland, welche ihr nationales Gemeinschaftsgefühl auch mit einem gemeinsamen Feind kitten. Und warum soll das nicht international funktionieren? Hat das schon einmal funktioniert? Hat das bei dir schon mal funktioniert?
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Written on the 85th day of trip IV - India/Asia/Australia
4'550 Km on the road