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Überholt und stehen gelassen

Written in India
09/13/2010 by jazz

Von Bangalore ging unsere Fahrt weiter Richtung Süden. Die knapp 200km bis Salem fuhren wir in zwei Etappen jeweils auf der Autobahn. Und wir taten gut daran, diese Strecke in zwei Etappen auf zu teilen. Zum einen weil am ersten Tag den Weg aus der Metropole Bangalore hinzukam. 20km auf Verkehrsverstopften Strassen, sich im Wettrennen befindend mit all den anderen zwei-, drei-, viel und Mehrrädrigen Fahrzeugen, die alle auch raus aus dieser Stadt wollten. An jeder Kreuzung dann, egal ob mit oder ohne Ampel und/oder Verkehrspolizei, findet der Kampf um den Platz in den ersten Reihen statt (vor allem unter den Mofas und Tucktucks). Und kurz bevor es grün wird fangen im Rücken (ja, ja, auch wir kämpfen jeweils fleissig und erfolgreich mit) kurz bevor es grün wird fangen also die Lastwagen und Busse an zu Hupen und geben uns in den vordersten Reihen mit der enormen Klangschallwelle sozusagen Rückenwind, welcher uns nicht selten bevor die anderen rot haben schon mal in die Mitte der Kreuzung drängt. Es ist gar nicht einfach, in solchen Situationen immer schön hinter Philipp zu bleiben! Einmal wurde ich zum Beispiel regelrecht an Philipp vorbei geschwemmt und habe ihn somit überholt, leider ohne dass er dies bemerkt hätte (der Lastwagen zwischen uns war einfach zu gross). Erst etwa 200 Meter weiter vorne gelang es mir, mich ganz in die Strassenmitte zu drängeln um dort an zu halten und mich nach Philipp um zu sehen. Ich entdeckte ihn, wie er weit hinten am Strassenrand stand und nach hinten schaute, natürlich im Glauben, mich verloren zu haben. Mein Herz fing an zu rasen- was sollte ich tun? Erst mal das ganze Gehupe all derer ignorieren, denen mein Motorrad im Weg steht. Philipp zu rufen war angesichts des Lärms natürlich sinnlos. An ein Wenden mit dem Motorrad war ebenfalls nicht zu denken, da die ganze Strasse dermassen verstopft war. Es blieb mir nichts anderes übrig, als mein Motorrad, wo es stand, mitten in der Strasse, einfach stehen zu lassen und zu Philipp hin zu laufen, bevor er auf die Idee kam, zu wenden und mich noch weiter hinten im Stau zu suchen. Also lief ich los, mit Helm und ganzer Ausrüstung quer durch den Stau und immer schön aufpassen auf alle die Fahrzeuge, die sich den Weg in die besagten ersten Reihen suchten. Und dabei den Blick auf Philipp oder mindestens dessen Helm nicht verlieren. Aus etwa 3 Meter Entfernung fing ich an zu schreien,- erfolgreich! Er sah mich uns fuhr langsam zwischen den stehenden Fahrzeugen zu mir nach vorne. Auch ihr erreichte dann irgendwann mein Motorrad wieder und sah gerade noch, wie der Verkehrspolizist den Schlüssel aus der Zündung der RE zog (Mann bin ich doof, den stecken gelassen zu haben!!) und kopfschüttelnd zu seinem Kollegen auf die andere Seite der Kreuzung ging. Da stand ich nun. Mitten in der Strasse, natürlich hatte meine Spur jetzt grün und alle mussten sich hupend um mich (und Philipp) herum zwängeln, mitten in der Strasse mit meiner schweren RE, das Herz vor Aufregung und Erschöpfung/Hitze pochend (habe ich schon erwähnt, dass ich in ganzer Motorradmontur in einem Stau herumrenne und es einfach nur sauheiss war?!?) und neben mir steht ein wütender und nicht weniger erregter Philipp mit grossen Fragezeichen in seinen weit aufgerissenen Augen. Ich hätte ihm jetzt eigentlich etwa 1000 Dinge gleichzeitig sagen müssen. „Ich weiss, der hintere überholt den vorderen NIE, aber ich habe dich nicht absichtlich überholt, es ging nicht anders, die hätten mich sonst einfach überfahren“ und „ich kann das Motorrad nicht anlassen, weil der Bulle mir den Zündungsschlüssel geklaut hat und damit jetzt dort drüben steht und uns unablässig winkt und uns mit seiner Trillerpfeife antrillert“ und „geh du da schon mal hin ich warte die nächste Rotphase unserer Spur ab und schiebe dann mein Motorrad im Neutralen ebenfalls zu euch rüber“ und „sei mir bitte nicht böse, ich war so dumm und habe den Schlüssel in der Aufregung einfach stecken lassen“ und „nein, ich hatte keinen Unfall, alles ok“ und „sei bitte nett zum Bullen, es ist meine Schuld und wir bekommen den Schlüssel am ehesten wieder, wenn wir einen auf „oh sorry, wusste ich nicht, tut mir leid und kommt nie wieder vor“ machen, als wenn wir unsere Wut und das nun angestaute Adrenalin an ihm auslassen“ und und und. Aber ich brachte keinen Ton heraus und Philipp hätte mich angesichts der lauten Motoren, der noch lauteren Huperei und überhaupt einfach sowieso nicht gehört, geschweige denn verstanden. Und, was soll ich sagen, das ist dann eben Philipp: ein Blick auf mich, mein Motorrad und er hat verstanden. Schreit mir zu : „Nimm du meins!“ und die Sache erledigt sich wie von selbst: Ich nehme also Seins und fahre damit zum Polizisten rüber (dieser stoppt den ganzen rollenden Verkehr ein erstes Mal für uns, damit ich überhaupt eine Chance habe, zu ihm hin zu kommen). Von ihm liess ich mir erklären, dass ich gerade ein ganz schweres Verkehrsverbrechen begangen habe: Parkieren in einer Kreuzung. Dann war ich mit Erklären dran: Tut mir leid, ich habe meinen Mann aus den Augen verloren und das darf einfach nicht sein, weil ich ohne ihn nicht weiss, wo ich hinfahren muss. Ich fahre eben immer hinten und es tut mir wirklich leid, es war nicht meine Absicht, hier ein Verbrechen zu begehen…“ und während ich erkläre und rede und rede sehe ich im Rückspiegel, wie Philipp mit meiner RE angeschoben kommt (auch für ihn wurde der ganze Verkehr gestoppt), wie er vom anderen Polizisten wortlos den Zündschlüssel erhält und Philipp ihm daraufhin das GPS erklärt und die beiden sich irgendwie ganz locker unterhalten, während ich mich hier immer noch im Übel befinde. Da merke ich, dass die Sache auch für meinen Polizisten eigentlich schon lange gegessen wäre, wenn ich nur endlich zu schwafeln aufhören würde. Philipp und ich tauschen die Motorräder, der Verkehr wird zum dritten Mal für uns zum Stillstand gebracht und wir fahren noch einmal quer drüber auf unsere Seite und dann nichts wie raus hier!


Ja, und eigentlich wollte ich in diesem Text berichten, was wir auf den folgenden gut 1000km alles erlebt haben! Wie die Autobahn hier aussieht, was für fröhliche Melodien erklingen, wenn ein indisches Fahrzeug den Rückwärtsgang einlegt, wie es in Salem 24h brodelte von Leben und Geschäftigkeit der Menschen dort, von unserer herrlichen Ausfahrt zu dieser Nationalparkschlucht durch ein ländlich-romantisches Indien, vom Hindutempel in Palani mit der Standseilbahn den Hügel rauf, von den tollen und atemberaubenden Palani Hills, wo wir uns ganze drei Mal der 60km langen und kurvenreichen Passstrecke mit den tollen Aussichtspunkten hingaben, vom überraschend schönen Ort Kodaikanal auf 2100MüM, von der Bauernhauptstadt von Tamil Nadu –Madurei- wo wir mit einem zweitätigen Unterbruch (eine Steppvisite auf die Rameshwaram Island; ebenfalls ein Bericht für sich) über eine Woche logierten und von Tempel über Motorradmechaniker bis Gandhi Museum und Tucktuckfahrten einfach alles mitmachten. Oder vom südlichsten Punkt Indiens, Cape Comorin, und den Menschen dort, der Tempelanlage und Tourismeile, dem nur mit Fähre erreichbaren Fels vor dem Inselzipfel. Oder die letzten 80km Fahrt mit Hupen, Drängeln und Ausweichen in den Strassengraben hierhin, nach Kovalam, DEM Badeort in Kerala! Wie die Inder baden, wie hier die Jungen am Wochenende „Mallorca auf indisch“ machen und wie schön es hier dann ist, wenn nicht mehr Wochenende ist. Ja, alles das wollte ich noch schreiben. Und, wo bin ich stecken geblieben! Im Stau in Bangalor!

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Written on the 56th day of trip IV - India/Asia/Australia
3'267 Km on the road


Route in India


 
 
 
 
 

Fotos around that time

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Frühstück mit Aussicht, Kovalam
Foto taken around Kovalam, India.
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Das Netz wird von Hand über die Bucht gezogen, Kovalam
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Alle helfen beim Fischen mit, Kovalam
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Am Ende wird der Fang aufgeteilt, Kovalam
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Sep 2010