Gerade eben komme ich vom Frühstück zurück, welches wir in einem nahen Restaurant eingenommen haben, was auch viele Einheimische so machen. Wir passierten eine Baustelle für ein Haus, da brachte ich die Kinnlade wieder einmal für einige Sekunden nicht mehr zu. Dabei kam ich ins Grübeln und zum Schluss, dass ich in ganz Südindien bisher noch nie einen Baukran gesehen habe. Auch nicht bei den entstehenden Hochhäusern in den Städten Keralas.
Ein Lastwagen steht an der Seite zur Baustelle. Drei oder vier Männer schaufeln schweren, rötlich-gelben Sand von der Ladefläche. Die Schaufeln welche sie dazu benutzen sind vorne gegen innen geknickt, so dass die Männer in gebückter Haltung ausholen, wie bei einem Rechen das Gerät gegen sich ziehen und die Sandmenge mit Schwung an sich vorbei auf einen Haufen schütten, der schon gleich hoch ist wie der Lastwagen selbst.
Neben dem Sandberg liegt ein Haufen sehr groben Kies, die einzelnen Steine etwa daumendick. Weitere vier Männer sind um die Mischung des Zementes besorgt. Ein grosser Zementmischer auf drei platten Reifen tuckert vor sich hin, die ungefilterte Abgase des Benzingetriebenen Dings hüllt die unmittelbare Umgebung in einen bläulichen Dunst. Die Mischer rammen grosse, runde, metallene Schalen in die Sand- und Steinhaufen, stemmen die schwere Last über ihre Köpfe, gehen einige Schritte und schütten das Material auf den Schalen in den Schlund der Mischmaschine. Durch die Rotation des bauchigen Kessels und des stampfenden Motors wackelt diese in einem scheinbar unverrückbaren Takt. Der älteste der vier Männer kippt zwischendurch immer wieder einen kleinen Plastikeimer Wasser hinterher, damit auch tatsächlich dieses pampige Steingemisch entsteht, was später ausgehärtet das Skelett des Hauses ausmacht. Der Mann mit grauen Haaren ist es auch, der entscheidet, wann die Mischung reif ist. Flink dreht er an einem seitlich angebrachten Rad und der grosse Bauch des Nimmersatt schwenkt hoch, richtet sich auf, kippt rüber auf die andere Seite und erbricht die ganze Pampe zu Boden.
Nun bringen sich die Arbeiter auf dem mit Stricken zusammengezurrten Gerüst aus dicken Bambusrohren in Position. Sie nutzten die wenigen Minuten bis sich aus dem Zementmonster neue Pampe entleert für eine kurze Pause. Sie reichten die ebenfalls runden, metallenen Schalen wieder nach unten und machten Witze über die beiden Touris, die da mit offenem Mund so belustigend da stehen. Die braune und die schwarze Kuh, die sich von der Hinterseite auf die Baustelle begaben und nun der bereiten Menschenkette in den Weg stellten, werden mit einem sanften Klaps zum Weiterlaufen bewegt.
Das Kommando habe ich verpasst oder überhört. So für mich wie aus heiterem Himmel beginnt das Förderband aus Menschen zu laufen. In einem irrsinnigen Tempo wird eine Schale mit Zement nach der nächsten in Richtung des dritten Stocks gehievt. Urplötzlich ist unheimlich viel Energie, Dynamik und Kraft da, dass die eigenen Muskelfasern zu zucken beginnen. Die lauten Zurufe der Männer auf dem Gerüst vermischen sich mit dem tuckern des Motors, dem grollen des rotierenden Zementbauches und dem hacken und schaben der Arbeiter auf dem Lastwagen, welche unablässig den Sand schaufeln. Der Erste in der Zementkette rammt eine Schale in den Zementhaufen. Gefüllt hebt er sie auf etwa Hüfthöhe und gibt sie dann weiter an den bereitstehenden Kollegen. Die Schale wird nochmals weitergegeben bis sie erstmals zu einem Arbeiter auf dem Baugerüst angehoben wird. Mit jeder Weitergabe steigt der Zement nun sicher fast einen Meter zum nächsten barfüssigen Mann auf dem Bambusgerüst. Unglaublich schnell wir so Schale um Schale, Zementportion um Zementportion hochgereicht. Kaum ist eine abgegeben, reicht die Zeit gerade eben aus, sich flink zu drehen, um die nächste Ladung in die mit kleinen Plastiklappen geschützten Hände aufzunehmen.
Nun sitze ich im Hotelzimmer und schreibe diesen Text. Ebenfalls im dritten Stockwerk. Die Vorstellung, dass alles, was ich um mich habe – jedes Kilo Stein, Sand, Eisen – von Menschenhand mit Muskelkraft einmal hier hoch gehoben wurde, ist packend. Schliesse ich die Augen, höre ich die Zurufe der Arbeiter, das schlingernde Tuk- Tuk- Tuk des Nimmersatt und die hellblau gestrichenen Wände erscheinen mir matt, rötlich, wie die Backsteine, die eher gepresst als gebacken aussehen und welche auch schon unten darauf warten, emporgereicht zu werden.
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Written on the 30th day of trip IV - India/Asia/Australia
1'227 Km on the road