Da die RE, wie alle der der zahlreichen Motorräder hier, hinten auf der Auspuffseite einen Extrahaken für die Einkaufstasche und gegenüber ein Sitzgitter mit Fussablage für die Mitfahrerin (Frauen sitzen hier im Damensitz mit Blick zum Strassenrand auf dem Motorrad) hat, können wir unsere Ortlieb-Taschen einfach über den Soziussitz schwingen und mit den je zwei Karabinern an eine der Metallverstrebungen der eben genannten Vorrichtungen einhängen. Bei Philipp kommt noch die eine Gepäckrolle obendrauf und ich trage einen kleinen leichten Rucksack mit dem Laptop und meinem „Handtaschenkram“ drin.
So bepackt und in voller Fahrmontur (Schoner für alle möglichen Gelenke, Protektoren Shirt, Stiefel, Helm und Handschuhen) geht es in schwüler Hitze los von Meereshöhe auf gut 1000 Meter hoch in die Western Ghats, gut 100km weit entfernt. Eine Fahrt von etwa drei Stunden also. Auf dem Weg zum Gipfelpass kommen wir in dichten Nebel. Wir sehen kaum mehr 10 Meter weit, alle hupen wie verrückt (tatsächlich noch mehr als sonst!) und alle haben die Lichter an plus die Warnblinker. Ich halte mich, wie immer in solchen Situationen, an Philipps Rücklicht und lasse mich da auch nicht wegdrängen. Und wenn Philipp dann selbst bei solchen Sichtverhältnissen das Bedürfnis hat, den Stinkbus vor uns zu überholen, dann halte ich da eben mit. Augen zu, hupen- und durch! Die Strassen hier in Kerala sind sehr kurvig und voll von Verkehrsteilnehmern. Gefahren wird ausschliesslich von Männern, egal ob Taxi, Bus, Lastwagen, Tucktuck, Kleinwagen, SUV, Fahrrad oder Motorrad. Einzig auf Rollern sieht man ab und zu eine Frau am Steuer und in den Autos versehen mit dem „L“ für Lernen. Die erste Generation Indischer Frauen macht sich heute fit für die Strasse! Jugendliche sind nicht wie bei uns eigenständige Verkehrsteilnehmer auf Scootern oder so, nein. Hier fahren sie als Gast in Tucktucks oder in Bussen und meist sind sie zu Fuss unterwegs. Kinder sieht man ebenfalls am ehesten zu Fuss, in den Schulbussen natürlich oder vereinzelt auf dem Fahrrad (Knaben). Bei den Motorfahrzeugen darf wohl fahren, was noch fährt. Egal was und wie es hinten rausqualmt oder wie laut es tönt. Unterdessen haben Philipp und ich auch unsere erste Busfahrt hinter uns: laut, stickig, ruckelig- aber schnell! Es gibt oft keine Fensterscheiben, einen Reinschmeisser (der auch gleich lautstark und immer wieder die Route kundschreit) und neben dem Fahrer noch einen für die Tickets (wie bei uns im Zug früher der Konduktor). Die Frauen sitzen im vorderen, die Männer im hinteren Teil des Busses. Glücklich, wer sitzen kann, denn im Stehen kommen einem die Brems- und Überholmanöver der Fahrers noch viel gewagter vor. In jedem Bus fährt der Glaube in Form von einem Bild mit farbigen Lämpchen rundherum vorne beim Fahrer mit.
Wir kamen unbeschadet und voll von neuen Eindrücken in Kumily an. Auf unserer Fahrt sahen wir riesige Teeplantagen, standen zweimal wegen dem heftigen Monsun unter und kamen so zu einem feinen Kaffee und zu einem Buch zur Aufklärung über den Islam. „Sie seien nicht alle Terroristen!“, so der junge Moslem mit einem netten Lächeln und er empfahl Philipp sein Geschenk, das Buch, einfach mal zu lesen.
Trotzdem waren wir pitschnass, als wir unser Zimmer im 28jährigen, kleinen Hotel nahe dem Parkeingang bezogen. Noch am selben Tag gingen wir zu Fuss ins sehr touristische Städtchen, kauften ein und machten einen Besuch im Internet: erste Berichte und Fotos laden! Auf dem Rückweg organisierten wir unser dreistündiges Fusstrekking im Park für den nächsten Tag- auf 7 Uhr in der Früh!
Der Nationalpark heisst Periyar Wildlife Sanctury und umfasst im Staat Kerala 777km2. 1895 legten die Briten hier einen 26km2 grossen künstlichen See an. In den Monaten ohne Monsun kommen die Wildtiere des Parks alle an den See zum Trinken und man kann dann von den Schiffen aus, die hier auf dem See rumtuckern, bequem Safari machen. Nun waren wir aber ja zur Monsunzeit da. Das Städtchen, so wurde uns mehrfach versichert, sei vergleichsweise ausgestorben, die Preise tief und die Tiere haben sich tief in den Wald zurückgezogen. So kam es denn auch, das Philipp und ich zusammen mit unserem Guide Debee in den drei Stunden, wo wir knapp 9km zurück legten (hey, im Dschungel, mit Buschmesser und so!), nicht sehr viele Tiere sahen. Für Philipp und ich war es aber trotzdem ein Riesenerlebnis! Total faszinierende Natur, diese Bäume, Büsche, Blumen! Alles gross und in einer Menge und Vielfalt, da kann die Gärtnerei Meier in Rüti gleich einpacken! Wir sahen etwa 2 oder 3 Arten von Affen, Rehe und eine kleine Bisonherde. Zudem immense Elefantenfussabdrücke- ich war grad froh, nur diese Spuren vor mir zu haben! Am meisten Sorgen machten mir ja die Schlangen. Diese hatte es da auch ganz sicher. Aber Schlagen, so wurde uns gesagt, seien eben nicht gefährlich für den Menschen, da diese Tiere ja fliehen. Elefanten hingegen, seien schon sehr gefährlich, weil diese unter Umständen die Menschen jagen würden- und dies meist erfolgreich.
Am Eingang des Parks bekamen wir Stoffsocken zum Anziehen. Über unsere Socken drüber, in die Schuhe mit rein und dann kurz unter dem Knie fest um die Wade binden. Es dauerte keine 200 Meter und ich wusste, für was diese Dinger gut waren: zu Duzenden saugten sich Blutegel an unseren Schuhen, Fussgelenken und Waden fest! Ekelhaft und zäh harrten sie dort allem Ziehen und Zerren. Debee staubte immer wieder unsere ganzen Waden und Füsse mit Tabakpulver ein- das half. Also ja, für die nächsten 500 Meter vielleicht. Und so kam es, und ihr könnt euch mich sicher dabei vorstellen, so kam es, dass ich das eine und andere Eichhörnchen einfach verpasste, weil all die Blutegel an meinen Beinen meiner ganzen Aufmerksamkeit bedurften!
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Written on the 17th day of trip IV - India/Asia/Australia
456 Km on the road