„Sprachlos“ heisst es im deutschen Sprachgebrauch schnell, wenn die Worte fehlen um ein Bild der Seele zu spiegeln. Doch „sprachlos“ wird den vergangenen zwei Wochen in Indien nicht gerecht. Es wäre billig und falsch, sich nicht mindestens dieselbe Mühe zu machen, Worte zu finden, wie sich unsere Gastgeber die Mühe machten, für uns da zu sein.
Am meisten Beeindruckt hat mich die Empathie der ganzen Familie Parapurathu. Sie haben nicht einfach ein Programm zusammengestellt für uns. Sie haben uns vom ersten Tag an aufgenommen in ihre Familie. Die ist zwar gross und verzweigt, doch wir hatten das grosse Glück und das Privileg, während allen Hochzeitsaktivitäten und in den wenigen Stunden zwischendurch, Teil des engeren Familienkreises zu sein, selbst in den intimeren Momenten. Das ist weit mehr, als man darum bitten darf. Und dabei waren wir nicht einfach mit dabei. In all der anstrengenden Hektik, den Ritualen der Hochzeit, dem ganzen organisieren, telefonieren, einladen – offiziell eingeladen wird in den sechs Tagen zwischen Verlobung und Hochzeit – dem Empfangen von Verwandten, Bekannten und Handwerkern, mitten in all diesem Treiben kümmerten sie sich um uns. Da hiess es nicht einfach „wir haben noch zwei Teller mehr auf dem Tisch.“, sondern „für Euch haben wir extra etwas früher gekocht, ihr seid sicher hungrig. Euer Essen ist nicht so scharf wie unseres, ihr müsst euch noch daran gewöhnen.“.
Es fing damit an, dass wir morgens um vier Uhr am Flughafen abgeholt wurden, um dann zwei Stunden zurück zum Haus im Dschungel gefahren zu werden. Das reichte dem Fahrer von der Zeit her aus, um noch vor Arbeitsbeginn wieder zurück zu sein. Das Hotelzimmer im nahen Dorf ist von den Männern der Familie persönlich ausgesucht und bestimmt worden. Nach einer ersten Stärkung werden wir zu eben diesem Hotel gefahren. Dort ziehen wir uns um, um darauf an der Verlobungsfeier teilzunehmen. Später am Nachmittag werden wir separat zum Hotel zurück gebracht, damit wir uns von der Reise erholen können, ohne dass wir darum bitten müssen.
Während zwei Wochen werden wir bekocht, wird dafür gesorgt, dass unser Essen nicht zu scharf ist, wir mit Messer und Gabeln essen können, wir immer die besten Plätze im Saal haben, wir gefahren werden oder dass wir uns nicht verfahren, wenn wir mit den
Royal Enfields unterwegs sind. Alle sind sie Seiltänzer zwischen zwei Kulturen. Im Herzen Inder, im Kopf europäischer als ihnen manchmal lieb ist. Sie setzen dieses Wissen und die Erfahrung ein, um in jeden Moment unseres Aufenthalts unsere Bedürfnisse zu kennen.
Am schönsten fand ich die Momente, an denen sie uns von ihrem Leben erzählt haben. Uns zeigten, wo sie aufgewachsen sind, uns durch ihren Garten geführt haben, die Pflanzen und Früchte und deren Wirkung auf den Menschen beschrieben haben. Ich genoss Johns Erläuterungen, wie Indien funktioniert. Ich hörte Sophia unglaublich gerne zu, wenn sie mir erzählte, wie Indien funktioniert. Ich war immer aufmerksam, wenn mir Sanish erklärte, wie Indien funktioniert. Und natürlich weiss ich es einzuschätzen, wie ich es interpretieren muss, wenn ich von den feinsten Fischen aus Kerala, den lautesten Instrumenten aus Kerala oder den heilsamsten Pflanzen aus Kerala höre. In diesem Moment, da haben sie sicher recht.
Danke.